Raffael (5)

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1804

Nenn′ ich euch wohl den Tempel der Kunst? So erscheint die Geschichte: Meinen Tempel hab′ ich, spricht sie, hierin mir erbaut. Aber die Philosophie eröffnet die Schule der Weisheit, Zeigt mit erhabenem Stolz ihre Gewaltigen vor. Zeig′ ich Apoll′ euch nicht und die Musen im Chore der Dichter, Spricht die Dichtkunst, ist nicht mein hier der größte Triumph? Nein, antwortet die Religion, mein tiefstes Geheimniß Und mein Heiligthum ist hier euch vors Auge gestellt. Oeffn′ ich den Himmel euch nicht, und zeig′ euch den Vater im Glanze Seines Thrones, den Sohn nicht und den heiligen Geist? Unser ist dieser Raum, will die Kirche, was hier wir und drüben Lösen und binden, du siehst′s, hier ist mein mächtigstes Reich. Da ertönt′s von Stimmen, es naht die Menschheit, ich habe Mein lebendigstes euch, meinen Charakter, enthüllt. Nehmt denn alle Besitz, für all′ ist Platz in dem Tempel; Mir gehört nur der Schmerz seiner Vergänglichkeit an.

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Illustration zu Raffael (5)

Interpretation

Das Gedicht "Raffael (5)" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine Reflexion über die verschiedenen Aspekte der Kunst und Kultur, die in einem Tempel symbolisch vereint sind. Die Geschichte präsentiert sich als Erbauerin des Tempels und betont ihre Rolle in der Bewahrung und Darstellung der Vergangenheit. Die Philosophie tritt als Schule der Weisheit auf, die ihre bedeutenden Persönlichkeiten stolz vorführt und damit ihre intellektuelle Macht demonstriert. Die Dichtkunst meldet sich zu Wort und fragt, ob nicht die Darstellung von Apoll und den Musen im Chor der Dichter ihr größter Triumph sei. Die Religion hingegen behauptet, dass ihr tiefstes Geheimnis und Heiligtum in diesem Tempel offenbart wird. Sie fragt, ob sie nicht den Himmel öffnet und die göttlichen Gestalten des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes zeigt. Die Kirche beansprucht den Raum als ihr Reich und verweist auf ihre Macht, zu binden und zu lösen. Schließlich tritt die Menschheit hinzu und enthüllt ihr lebendigstes Wesen, ihren Charakter. Sie bietet an, dass alle Besitz ergreifen können, denn für alle ist Platz im Tempel. Doch der Schmerz der Vergänglichkeit gehört allein der Menschheit an, die als letzte Instanz in diesem Pantheon der Künste und Wissenschaften auftritt. Das Gedicht verdeutlicht die Vielschichtigkeit und den Reichtum der menschlichen Kultur, die in einem gemeinsamen Raum, symbolisiert durch den Tempel, koexistieren.

Schlüsselwörter

tempel spricht zeig nenn kunst erscheint geschichte hab

Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
Nenn' ich euch wohl den Tempel der Kunst? So erscheint die Geschichte: / Meinen Tempel hab' ich, spricht sie, hierin mir erbaut. / Aber die Philosophie eröffnet die Schule der Weisheit, / Zeigt mit erhabenem Stolz ihre Gewaltigen vor.
Gegensatz
Oeffn' ich den Himmel euch nicht, und zeig' euch den Vater im Glanze / Seines Thrones, den Sohn nicht und den heiligen Geist?
Metapher
Nein, antwortet die Religion, mein tiefstes Geheimniß / Und mein Heiligthum ist hier euch vors Auge gestellt.
Parallelismus
Unser ist dieser Raum, will die Kirche, was hier wir und drüben / Lösen und binden, du siehst's, hier ist mein mächtigstes Reich.
Personifikation
Nenn' ich euch wohl den Tempel der Kunst? So erscheint die Geschichte: / Meinen Tempel hab' ich, spricht sie, hierin mir erbaut.
Rhetorische Frage
Zeig' ich Apoll' euch nicht und die Musen im Chore der Dichter, / Spricht die Dichtkunst, ist nicht mein hier der größte Triumph?
Vokativ
Nenn' ich euch wohl den Tempel der Kunst?