Rache
Gedichte, Romane und Dramen
Habt ihr mir zugeschifft,
Auch Manuskripte gar kamen
In augenmordender Schrift.
Wenn schon der Kopf mir erkrachte,
Von Arbeit überschneit,
Ein Jeder von euch sich dachte:
Für mich ja doch hat er wohl Zeit.
Ich sollte das Zeug studiren,
Wenn ich todesmüd schon war,
Dann einen Brief komponiren,
Verleger noch suchen sogar.
Und zuletzt noch mußt‘ ich mich placken,
Fluchend wie ein Pandur,
Stöße Papier zu verpacken
Mit Sigellack und mit Schnur.
Jahrzehnte lang habt ihr’s getrieben,
Habt mich gemartert, gezwickt,
Geschunden, zersägt, zerrieben,
Zerklemmt und zerquetscht und erstickt.
Jetzt komm ich zu euch als Bruder,
Doch als Rachengel zugleich!
Da habt ihr es nun, ihr Luder,
Jetzt leset! Jetzt schinde ich euch!
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Rache“ von Friedrich Theodor Vischer ist ein zorniger Ausbruch über die Last der literarischen Pflichten und eine bittere Abrechnung mit denjenigen, die dem Autor ihre Manuskripte zur Begutachtung und Kritik zukommen ließen. Der Text ist geprägt von einem tiefen Gefühl der Erschöpfung und der Ungerechtigkeit, das sich in einer Reihe von metaphorischen Gewalttaten entlädt, die der Autor durchgemacht hat.
Vischer beklagt die ständige Flut an Literatur, die er durcharbeiten musste, sowie die damit verbundene Arbeitsbelastung. Er verweist auf die „augenmordende Schrift“, die er lesen sollte, die Erwartungshaltung, er solle sich trotz seiner Erschöpfung darum kümmern, und die zusätzlichen Aufgaben, wie das Verfassen von Briefen, die Suche nach Verlegern und die aufwendige Verpackung der Manuskripte. Diese Aufgaben werden als brutale „Martyrien“ beschrieben, die den Autor Jahrzehnte lang gequält haben. Die drastischen Verben wie „zerrieben“, „zerquetscht“ und „erstickt“ unterstreichen die Intensität des Leidens und des Zorns.
Der Höhepunkt des Gedichts ist die Ankündigung der „Rache“. Der Autor präsentiert sich als „Rachengel“, der nun seinerseits die Manuskripte beurteilen und somit die einstigen Zuarbeiter quälen wird. Die ironische Wendung, dass er nun die Rolle derer übernimmt, die ihn einst quälten, ist deutlich zu erkennen. Mit dem Aufruf „Jetzt leset! Jetzt schinde ich euch!“ wird die Umkehrung der Machtverhältnisse zelebriert. Der Autor verwandelt sich vom Gepeinigten zum Peiniger, was die Entschlossenheit, sich zu rächen, verdeutlicht.
Das Gedicht ist ein Ausdruck von Frustration, die über die Anforderungen der literarischen Arbeit, insbesondere in Bezug auf die Beurteilung von Werken anderer, entsteht. Vischer beklagt nicht nur die Last der Arbeit, sondern auch die fehlende Wertschätzung für seine eigene Zeit und Mühe. Es ist ein Aufschrei gegen die ungerechte Last der literarischen Pflichten und ein Ausdruck des Wunsches, die erlittene Ungerechtigkeit zu vergelten. Die Verwendung von drastischen Bildern und Ausdrücken verleiht der Rache eine zusätzliche und denkwürdige Bedeutung.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.