R.i.p.

Annette von Droste-Hülshoff

1797

Ihr saht ihn nicht im Glücke, Als Scharen ihm gefolgt, Mit einem seiner Blicke Er jeden Haß erdolcht, Das Blut an seinen Händen Wie Königspurpur fast, Und flammenden Geländen Entstieg des Nimbus Glast;

Saht nicht, wie stolz getragen Schulfreund und Kamerad Die Stirn, mit welchem Zagen Der Fremdling ihm genaht, Wenn mit Kolosses Schreiten Das Klippentor er stieß, Die kleinen Segel gleiten An seiner Sohle ließ.

Ihr habt ihn nicht gesehen, Ihr Augen jugendklar, Du Haupt, wo Ringel wehen Von süßem Lockenhaar; Jünglinge, blüh′nde Frauen, Ihr saht ihn nicht im Glanz, Ihn, seines Landes Grauen Und allergrünsten Kranz.

Vielleicht doch saht ihr streifen Den alten kranken Leun, Saht seine Mähne schleifen Und zittern sein Gebein, Saht wie die breiten Pranken Er matt und stöhnend hob, Wie taumelnd seine Flanken Er längs der Mauer schob.

Und Scheitel saht ihr, weiße, Am Fensterglase spähn, Die dann mit scheuem Fleiße Sich hintern Vorhang drehn; Vernahmt der Knaben Lachen, Der Greise schmerzlich Ach, Wenn er im freien flachen Geländ′ zusammen brach.

Allein ihr horcht, als rede Ich von dem Tartarchan, Mit Augen weit und öde Starrt ihr euch lange an, Und einer ruft: »O schauet, Wie man ein Ehrenmal Obskurem Burschen bauet! Wer war der General?«

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Illustration zu R.i.p.

Interpretation

Das Gedicht "R.i.p." von Annette von Droste-Hülshoff beschreibt den Kontrast zwischen der einstigen Größe und Macht eines Mannes und seinem späteren, gebrochenen Zustand im Alter. Zunächst wird er als eine Figur dargestellt, die in ihrer Blütezeit gefürchtet und verehrt wurde, dessen bloßer Blick Hass erdolchte und dessen Anwesenheit Stolz und Ehrfurcht bei Freunden und Fremden hervorrief. Seine Stärke und Dominanz werden mit königlicher Pracht und übernatürlichen Fähigkeiten verglichen, was seine einstige Unbesiegbarkeit unterstreicht. Im zweiten Teil des Gedichts wird der Wandel im Leben des Mannes deutlich. Die jugendlichen Beobachter haben ihn nur in seinem verfallenen Zustand gesehen – als alten, kranken Löwen, der schwach und gebrechlich dahinsiecht. Sein einst stolzer Gang ist zu einem taumelnden Schleppen geworden, und selbst die Bewohner beobachten ihn nur noch mit Mitleid oder Verachtung. Die einstige Bewunderung hat sich in Gleichgültigkeit oder Spott verwandelt, was den tragischen Verfall seiner Persönlichkeit betont. Der letzte Teil des Gedichts offenbart die Ironie der Situation. Die Menschen, die den Mann in seiner Blütezeit nicht kannten, sind verwirrt über die Errichtung eines Ehrenmals für ihn. Sie fragen sich, wer dieser "obskure Bursche" war und warum ihm eine solche Ehre zuteilwird. Dies unterstreicht die Vergänglichkeit des Ruhms und die Tatsache, dass die Erinnerung an seine einstige Größe im Laufe der Zeit verblasst ist. Das Gedicht reflektiert somit die Themen Macht, Verfall und die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens.

Schlüsselwörter

saht augen glücke scharen gefolgt blicke jeden haß

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Stilmittel

Bildsprache
Scheitel saht ihr, weiße, Am Fensterglase spähn
Ironie
Wer war der General?
Metapher
Das Blut an seinen Händen Wie Königspurpur fast
Personifikation
Entstieg des Nimbus Glast
Symbolik
Sein Gebein, Wie taumelnd seine Flanken
Vergleich
Die kleinen Segel gleiten An seiner Sohle ließ