Logo der Website, Schriftzug "Poesie Oase" mit Palmen umrandet.
, , , , , , , ,

Quai du Rosaire

Von

Brügge

Die Gassen haben einen sachten Gang
(wie manchmal Menschen gehen im Genesen
nachdenkend: was ist früher hier gewesen?)
und die an Plätze kommen, warten lang

auf eine andre, die mit einem Schritt
über das abendklare Wasser tritt,
darin, je mehr sich rings die Dinge mildern,
die eingehängte Welt von Spiegelbildern
so wirklich wird wie diese Dinge nie.

Verging nicht diese Stadt? Nun siehst du, wie
(nach einem unbegreiflichen Gesetz)
sie wach und deutlich wird im Umgestellten,
als wäre dort das Leben nicht so selten;

dort hängen jetzt die Gärten groß und gelten,
dort dreht sich plötzlich hinter schnell erhellten
Fenstern der Tanz der Estaminets.

Und oben blieb? – – Die Stille nur, ich glaube,
und kostet langsam und von nichts gedrängt
Beere um Beere aus der süßen Traube
des Glockenspiels, das in den Himmel hängt.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Quai du Rosaire von Rainer Maria Rilke

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Quai du Rosaire“ von Rainer Maria Rilke ist eine poetische Reflexion über die Stadt Brügge, die von einer melancholischen Betrachtung der Vergangenheit und einer flüchtigen Wahrnehmung der Gegenwart geprägt ist. Das lyrische Ich wandert durch die Straßen, die einen „sachten Gang“ haben, und erinnert an Menschen in Genesung, die über Vergangenes nachdenken. Dieser eröffnende Vers etabliert sofort eine Stimmung der Kontemplation und des Innehaltens. Die Stadt selbst wird hier als ein Ort der Erinnerung und der stillen Reflexion dargestellt.

Der zweite Teil des Gedichts wechselt von der Bewegung in den Gassen zu einer Betrachtung des Wassers, in dem sich die Welt spiegelt. Das „abendklare Wasser“ wird zum Spiegelbild der Welt, in dem die Dinge „je mehr sich rings die Dinge mildern“ – also in dem Maße, in dem die Umgebung zur Ruhe kommt – ihre spiegelbildliche Existenz, ihre Abbilder, annehmen. Diese Spiegelbilder werden „so wirklich wie diese Dinge nie.“ Rilke spielt hier subtil mit der Natur der Realität und der Illusion. Das Spiegelbild, die Illusion, wird in dem Moment realer, in dem die Dinge selbst in den Hintergrund treten.

Die dritte Strophe ist von einem plötzlichen Umschwung gekennzeichnet, eine Feststellung, die an die Vergänglichkeit und die Wiedergeburt der Stadt anspielt: „Verging nicht diese Stadt?“ Die Reflexion über das Vergehen wird mit einem Blick auf die Gegenwart kombiniert. Das „Umgestellte“ deutet auf eine Veränderung hin, als ob die Stadt durch ein unbegreifliches Gesetz neu erwacht, wo Leben nicht mehr so selten erscheint. Dies deutet auf eine subtile Hoffnung oder zumindest auf die Möglichkeit einer Verwandlung, einer Erneuerung, im Kontrast zur anfänglichen Melancholie.

Der letzte Teil des Gedichts hebt sich deutlich von den anderen ab. Die „Stille“ scheint sich zu erheben und wird mit der „süßen Traube / des Glockenspiels“ verbunden. Dieses Bild ist von einer ruhigen Genussfreude geprägt. Die Glockenspiele, die im Himmel hängen, stehen für eine Art von zeitloser Schönheit und Harmonie. Diese Stille, die von nichts gedrängt wird, ist gleichzeitig die Quintessenz des Gedichts. Sie repräsentiert eine Ebene des Bewusstseins oder eine Erfahrung, die jenseits der vergänglichen Welt der Spiegelbilder und des Wandels liegt.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.