Pythagoras

Friedrich Adler

unknown

Gebreitet liegt auf Berg und Auen Das schattende Gewand der Nacht, Auf alle Augen niederthauen Des Traumes Bilder, süß und sacht; Nur mich allein will’s nicht umschlingen, Dies selige Sinken in das Nichts: Ich will erkennen, will erringen, Erringen einen Strahl des Lichts.

Durchforscht umsonst hab’ ich die Rollen, Die uns der Väter Weisheit schrieb, Umsonst gesucht im Lieben, Grollen Des Menschenherzens tiefsten Trieb, Umsonst Natur und ihrem Sprossen Bin ich gefolgt mit Stab und Maß, – Die Thür zum Räthsel blieb verschlossen, Und wirre Schrift war, was ich las.

Und was ich jung mit kecken Sinnen, Mit meinem Herzen, stolz und heiß, Im Fluge dachte zu gewinnen, Ich fand’s nicht und mein Haar ist weiß, Nicht lang’ mehr wird der Faden währen, Den hastig mir die Moira webt, – Nun lausch’ ich ängstlich nach den Sphären, Doch ach, kein Ton, der niederschwebt.

Und doch, es muß! Ich darf nicht irren! Dies Treiben, dieses Lebens Schwall, Der wilde Streit, die bösen Wirren, Des Scheines Truggespenster all’, Dies tolle Lachen, bitt’re Weinen, Dies Glück, das falsch die Loose theilt: Es muß zu einem Klang sich einen Dort oben, wo mein Sehnen weilt.

Zu einem Klange, voll und prächtig, Der hell den Himmelsraum durchdringt, Und alles Ungefüge mächtig In seinen hohen Zauber zwingt, Zu einem Klang, der Alles kündet, Was hier der müde Geist verlor, D’rin Rauh und Lieblich sich verbündet, Zu füllen das entzückte Ohr.

Dort oben! Seit mir die Gedanken Zum ersten Mal im Hirn gereift, Ließ ich hinan die Hoffnung ranken Zum Sternenchor, der oben schweift; Von oben sollt’ es niedertönen, Mein unbefriedigt Herz durchglüh’n, Und mir im Strahl des ewig Schönen Der Erde Leben neu erblüh’n.

Was ich geliebt, ich hab’s vergessen, Was ich begehrt, ich ließ es lang’, Nur Sehnsucht füllt mich unermessen Nach diesem einen hohen Klang, Vorüber lass’ ich alles rauschen, Ein Wunsch allein, der in mir wohnt – O, einmal hören, einmal lauschen, Und all mein Streben wär’ gelohnt!

Umsonst, umsonst. Die Sphären schweigen, Mein Aug’ wird matt, mein Ohr wird stumpf, Fremd schau’ ich auf der Erde Reigen, Der sinnlos mich umdrängt und dumpf. Wie leer die Stunden hin sich dehnen! Du böse, Moira, meine Last; Von meinem Denken, meinem Sehnen Gieb in der Urne süße Rast!

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Illustration zu Pythagoras

Interpretation

Das Gedicht "Pythagoras" von Friedrich Adler beschreibt die lebenslange Suche eines Menschen nach Erkenntnis und dem tieferen Sinn des Lebens. Der Sprecher durchlebt eine innere Zerrissenheit zwischen der Sehnsucht nach Erleuchtung und der Frustration über die Unerreichbarkeit seiner Ziele. Er fühlt sich von der Welt um ihn herum entfremdet und allein in seinem Streben nach Wissen und Verständnis. Die Suche des Sprechers erstreckt sich über verschiedene Bereiche des Lebens. Er versucht, in alten Schriften Weisheit zu finden, erforscht die menschliche Psyche und studiert die Natur. Doch all diese Bemühungen führen zu keinem befriedigenden Ergebnis. Die "Thür zum Räthsel" bleibt verschlossen, und was er zu lesen glaubt, erscheint ihm als "wirre Schrift". Diese Metapher verdeutlicht die Unfähigkeit des Sprechers, die Welt um sich herum zu verstehen und in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. In den letzten Strophen des Gedichts zeigt sich die Verzweiflung des Sprechers. Er hofft noch immer auf einen "Klang" von oben, der ihm die Antworten auf seine Fragen geben und sein "unbefriedigt Herz durchglüh'n" wird. Doch diese Hoffnung scheint vergeblich, da die "Sphären schweigen". Das Gedicht endet mit einem resignativen Appell an die Moira, die Schicksalsgöttin, die dem Sprecher "süße Rast" gewähren möge. Dies deutet auf eine letztendliche Akzeptanz der Unmöglichkeit, die gesuchten Antworten zu finden, und einen Wunsch nach Erlösung vom quälenden Streben nach Erkenntnis.

Schlüsselwörter

umsonst oben will klang allein erringen strahl hab

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Stilmittel

Hyperbel
Ich will erkennen, will erringen, Erringen einen Strahl des Lichts
Metapher
Von meinem Denken, meinem Sehnen Gieb in der Urne süße Rast
Personifikation
Des Traumes Bilder, süß und sacht