Punschlied (2)

Friedrich von Schiller

1759

Auf der Berge freien Höhen, In der Mittagssonne Schein, An des warmen Strahles Kräften Zeugt Natur den goldnen Wein.

Und noch Niemand hat′s erkundet, Wie die große Mutter schafft; Unergründlich ist das Wirken, Unerforschlich ist die Kraft.

Funkelnd wie ein Sohn der Sonne, Wie des Lichtes Feuerquell, Springt er perlend aus der Tonne, Purpurn und kristallenhell.

Und erfreuet alle Sinnen, Und in jede bange Brust Gießt er ein balsamisch Hoffen Und des Lebens neue Lust.

Aber matt auf unsre Zonen Fällt der Sonne schräges Licht, Nur die Blätter kann sie färben, Aber Früchte reift sie nicht.

Doch der Norden auch will leben, Und was lebt, will sich erfreun; Darum schaffen wir erfindend Ohne Weinstock uns den Wein.

Bleich nur ist′s, was wir bereiten Auf dem häuslichen Altar; Was Natur lebendig bildet, Glänzend ist′s und ewig klar.

Aber freudig aus der Schale Schöpfen wir die trübe Flut; Auch die Kunst ist Himmelsgabe, Borgt sie gleich von ird′scher Glut.

Ihrem Winken freigegeben Ist der Kräfte großes Reich; Neues bildend aus dem Alten, Stellt sie sich dem Schöpfer gleich.

Selbst das Band der Elemente Trennt ihr herrschendes Gebot, Und sie ahmt mit ird′schen Flammen Nach dem hohen Sonnengott.

Fernhin zu den sel′gen Inseln Richtet sie der Schiffe Lauf, Und des Südens goldne Früchte Schüttet sie im Norden auf.

Drum ein Sinnbild und ein Zeichen Sei uns dieser Feuersaft, Was der Mensch sich kann erlangen Mit dem Willen und der Kraft.

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Illustration zu Punschlied (2)

Interpretation

Das Gedicht "Punschlied (2)" von Friedrich von Schiller thematisiert die menschliche Fähigkeit, durch Kreativität und Willenskraft die Natur zu imitieren und zu überwinden. Es beginnt mit einer Lobpreisung des Weins, der als Produkt der Natur in sonnigen Gefilden entsteht, und betont die Unergründlichkeit der natürlichen Schöpfungskraft. Der Wein wird als leuchtend und lebensbejahend beschrieben, der Freude und Hoffnung schenkt. Im zweiten Teil des Gedichts wendet sich Schiller dem Norden zu, wo die Sonne nicht stark genug ist, um Früchte reifen zu lassen. Hier setzt die menschliche Erfindungsgabe ein: Ohne natürlichen Weinstock schafft der Mensch durch Kunst und Wissenschaft seinen eigenen Wein. Die Punschschale wird zum Symbol menschlicher Kreativität, die in der Lage ist, aus einfachen Zutaten etwas Neues und Erfreuliches zu erschaffen. Das Gedicht kulminiert in der Verehrung der menschlichen Kunst als göttliche Gabe. Schiller preist die Fähigkeit des Menschen, die Elemente zu beherrschen, Neues aus Altem zu schaffen und sogar die Natur zu imitieren. Die Punschschale wird zum Sinnbild menschlicher Leistungsfähigkeit, die durch Willen und Kraft das Unmögliche möglich macht. Das Gedicht ist eine Hymne auf die menschliche Kreativität und ihren Triumph über die Beschränkungen der Natur.

Schlüsselwörter

natur wein kraft sonne kann früchte norden will

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Stilmittel

Alliteration
Schöpfen wir die trübe Flut
Bildsprache
Auf der Berge freien Höhen, In der Mittagssonne Schein
Hyperbel
Stellt sie sich dem Schöpfer gleich
Metapher
Und in jede bange Brust Gießt er ein balsamisch Hoffen
Personifikation
Wie die große Mutter schafft
Symbolik
Sei uns dieser Feuersaft
Vergleich
Funkelnd wie ein Sohn der Sonne