Psalm

Georg Trakl

1912

Es ist ein Licht, das der Wind ausgelöscht hat. Es ist ein Heidekrug, den am Nachmittag ein Betrunkener verläßt. Es ist ein Weinberg, verbrannt und schwarz mit Löchern voll Spinnen. Es ist ein Raum, den sie mit Milch getüncht haben. Der Wahnsinnige ist gestorben. Es ist eine Insel der Südsee, Den Sonnengott zu empfangen. Man rührt die Trommeln. Die Männer führen kriegerische Tänze auf. Die Frauen wiegen die Hüften in Schlinggewächsen und Feuerblumen, Wenn das Meer singt. O unser verlorenes Paradies.

Die Nymphen haben die goldenen Wälder verlassen. Man begräbt den Fremden. Dann hebt ein Flimmerregen an. Der Sohn des Pan erscheint in Gestalt eines Erdarbeiters, Der den Mittag am glühenden Asphalt verschläft. Es sind kleine Mädchen in einem Hof in Kleidchen voll herzzerreißender Armut! Es sind Zimmer, erfüllt von Akkorden und Sonaten. Es sind Schatten, die sich vor einem erblindeten Spiegel umarmen. An den Fenstern des Spitals wärmen sich Genesende. Ein weißer Dampfer am Kanal trägt blutige Seuchen herauf.

Die fremde Schwester erscheint wieder in jemands bösen Träumen. Ruhend im Haselgebüsch spielt sie mit seinen Sternen. Der Student, vielleicht ein Doppelgänger, schaut ihr lange vom Fenster nach. Hinter ihm steht sein toter Bruder, oder er geht die alte Wendeltreppe herab. Im Dunkel brauner Kastanien verblaßt die Gestalt des jungen Novizen. Der Garten ist im Abend. Im Kreuzgang flattern die Fledermäuse umher. Die Kinder des Hausmeisters hören zu spielen auf und suchen das Gold des Himmels. Endakkorde eines Quartetts. Die kleine Blinde läuft zitternd durch die Allee, Und später tastet ihr Schatten an kalten Mauern hin, umgeben von Märchen und heiligen Legenden.

Es ist ein leeres Boot, das am Abend den schwarzen Kanal heruntertreibt. In der Düsternis des alten Asyls verfallen menschliche Ruinen. Die toten Waisen liegen an der Gartenmauer. Aus grauen Zimmern treten Engel mit kotgefleckten Flügeln. Würmer tropfen von ihren vergilbten Lidern. Der Platz vor der Kirche ist finster und schweigsam, wie in den Tagen der Kindheit. Auf silbernen Sohlen gleiten frühere Leben vorbei Und die Schatten der Verdammten steigen zu den seufzenden Wassern nieder. In seinem Grab spielt der weiße Magier mit seinen Schlangen.

Schweigsam über der Schädelstätte öffnen sich Gottes goldene Augen.

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Illustration zu Psalm

Interpretation

Das Gedicht "Psalm" von Georg Trakl ist ein düsteres und verstörendes Werk, das sich mit Themen wie Tod, Verfall und Verlust auseinandersetzt. Das Gedicht beginnt mit einer Reihe von Bildern, die eine Atmosphäre der Verlassenheit und des Verfalls schaffen, wie das erloschene Licht, der verlassene Heidekrug und der verbrannte Weinberg. Diese Bilder werden durch weitere verstörende Bilder ergänzt, wie die toten Waisen, die menschlichen Ruinen im Asyl und die Engel mit kotgefleckten Flügeln. Das Gedicht enthält auch einige religiöse und mythologische Anspielungen, wie den Sonnengott, den Sohn des Pan und den weißen Magier. Diese Anspielungen tragen zur düsteren und mysteriösen Atmosphäre des Gedichts bei und deuten auf eine Welt hin, die von Chaos und Verfall geprägt ist. Das Gedicht endet mit dem Bild von Gottes goldenen Augen, die sich über der Schädelstätte öffnen. Dieses Bild ist sowohl faszinierend als auch beängstigend und lässt den Leser mit einem Gefühl der Ungewissheit und des Unbehagens zurück. Insgesamt ist "Psalm" ein kraftvolles und beunruhigendes Gedicht, das die dunklen Seiten des menschlichen Daseins erkundet. Trakls meisterhafte Verwendung von Bildern und Anspielungen schafft eine Atmosphäre der Verzweiflung und des Verfalls, die den Leser tief berührt.

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Stilmittel

Metaphor
Schweigsam über der Schädelstätte öffnen sich Gottes goldene Augen.
Personifikation
Im Kreuzgang flattern die Fledermäuse umher.