Prinz Vogelfreri
1887So häng ich denn auf krummem Aste Hoch über Meer und Hügelchen: Ein Vogel lud mich her zu Gaste - Ich flog ihm nach und rast′ und raste Und schlage mit den Flügelchen.
Das weisse Meer ist eingeschlafen, Es schläft mir jedes weh und Ach. Vergessen Furcht und Lob und Strafen: Jetzt flieg ich jedem Vogel nach.
Nur Schritt für Schritt - das ist kein Leben! Stets Bein vor Bein macht müd und schwer! Ich laß mich von den Winden heben, Ich liebe es, mit Flügeln schweben Und hinter jedem Vogel her.
Vernunft? - das ist ein bös Geschäfte: Vernunft und Zunge stolpern viel! Das Fliegen gab mir neue Kräfte Und lehrt′ mich schönere Geschäfte, Gesang und Scherz und Liederspiel.
Einsam zu denken - das ist weise. Einsam zu singen - das ist dumm!
So horcht mir denn auf meine Weise Und setzt euch still um mich im Kreise, Ihr schönen Vogelchen, herum!
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Interpretation
Das Gedicht "Prinz Vogelfrei" von Friedrich Nietzsche beschreibt die Befreiung des lyrischen Ichs von den Fesseln der Vernunft und der gesellschaftlichen Normen. Das Ich findet sich auf einem krummen Ast wieder, hoch über Meer und Hügelchen, und folgt einem Vogel, der es zu sich einlädt. Es fliegt ihm nach und rast und rast, schlägt mit den Flügelchen. Das weiße Meer ist eingeschlafen, und das Ich vergisst jede Sorge und Angst. Es folgt nun jedem Vogel, der ihm begegnet. Das lyrische Ich lehnt das langsame, schrittweise Vorankommen ab, das es als mühsam und schwer empfindet. Stattdessen lässt es sich von den Winden tragen und genießt das Schweben mit den Flügeln. Es folgt jedem Vogel, der ihm begegnet. Die Vernunft wird als etwas Schlechtes dargestellt, das oft zu Fehlern führt. Das Fliegen hingegen gibt dem Ich neue Kräfte und lehrt es schönere Dinge wie Gesang, Scherz und Liederspiel. Das Gedicht endet mit einer Einladung an die "schönen Vogelchen", sich im Kreis um das lyrische Ich zu setzen und ihm zuzuhören. Es betont die Schönheit des gemeinsamen Gesangs und die Dummheit des einsamen Denkens. Das lyrische Ich hat sich von der Vernunft und der Gesellschaft befreit und findet seine Erfüllung im Fliegen, Singen und im Zusammensein mit den Vögeln.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Vernunft? - das ist ein bös Geschäfte: Vernunft und Zunge stolpern viel!
- Bildsprache
- Ich liebe es, mit Flügeln schweben Und hinter jedem Vogel her
- Hyperbel
- Ich flog ihm nach und rast′ und raste Und schlage mit den Flügelchen
- Kontrast
- Einsam zu denken - das ist weise. Einsam zu singen - das ist dumm!
- Metapher
- So häng ich denn auf krummem Aste Hoch über Meer und Hügelchen: Ein Vogel lud mich her zu Gaste
- Personifikation
- Das weisse Meer ist eingeschlafen