Priamus und Achilles
1827An des Idas dunkeln Höhen Hängt des Mondes stille Pracht, Und es rauschet in dem Tale Nur der Xanthus durch die Nacht. Alle Flammen sind erloschen, Und es ruht der Griechen Heer - Einsam nur im stillen Zelte Sitzt Achilleus tränenschwer.
Ausgetobt hat seine Rache, Sehnsucht schwellt die Heldenbrust Nach den Manen seines Freundes, Seiner Jugend hoher Lust. Nach der Dioskuren Sterne Sendet er den trüben Blick, Nur das Traumbild ihrer Liebe Sendet das Gestirn zurück.
Ob der Schatten sich begnüge, Daß des tapfern Feindes Blut, Von dem Rächerstahl vergossen, Färbte des Skamanders Flut, Daß der Held am Siegerwagen Dreimal durch die bange Flur Hinzog seines Feindes Leiche In der blutbespritzten Spur?
Und so sinnt er, und so schaut ihn Nur der Fackel trüber Schein, Da rauscht auf des Zeltes Decke - Schwebt ein Schatten zu ihm ein? Groß ist die Gestalt zu schauen, Wenn gebeugt auch, hoch und hehr, Milde Silberlocken wallen Um ein Greisenantlitz her.
Sprachlos mißt Achill die Züge, Diese Züge ernst und mild, Ob sein Aug ihm täuschend lüge? Ist es Priams Heldenbild? Eh die Frag entflieht der Lippe, Ist der Greis ihm zugewandt, Schaut ihm weinend in das Auge, Faßt ihn flehend an der Hand.
»Denke nicht des Krieges Lose, Der die Völker blutig trennt, Denke nur des Vaters Schmerzen, Der nur seine Lieben kennt. Hier ist Gold, o nimm die Gaben, Gib mir meinen Sohn zurück, Daß noch einmal auf ihm weile Seines Vaters trüber Blick.
Wende nicht so stolz die Blicke, Laß mir, laß mir deine Hand! Welche Namen muß ich rufen? Kennst du nicht das zarte Band, Das die Gattin eint dem Gatten, Das das Kind dem Vater eint? Ach! Andromache harrt unser Und sein Astyanax weint.
Bei der Liebe deines Vaters - Sind nicht seine Haare weiß Wie der Greis, der zu dir flehet; Harret nicht der edle Greis Der Umarmung seines Sohnes, Eh er zu den Vätern geht? Bei der Liebe deines Vaters Höre, was ein Vater fleht!«
Und das Auge geht ihm über Von unnennbar tiefem Schmerz, Und es dringt des Greisen Klage Durch des Panzers rauhes Erz. »Du vergibst, Patroklos′ Schatten, Wenn des Freundes Herz erliegt - Nimm den Sohn, zieh hin im Frieden,
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Interpretation
Das Gedicht "Priamus und Achilles" von Wilhelm Hauff thematisiert die Begegnung zwischen dem trojanischen König Priamus und dem griechischen Helden Achilles nach der Tötung des trojanischen Prinzen Hektor durch Achilles. Das Gedicht beginnt mit einer nächtlichen Szene, in der Achilles allein in seinem Zelt sitzt und über seine Taten nachdenkt. Er hat seinen Freund Patroklos gerächt, indem er Hektor getötet hat, aber nun überkommt ihn Sehnsucht und Trauer um seinen gefallenen Freund. Priamus, der Vater des getöteten Hektor, schleicht sich in das Zelt des Achilles, um seinen Sohn zurückzufordern. Er appelliert an Achilles' Mitgefühl und erinnert ihn an die Liebe eines Vaters zu seinem Kind. Priamus bietet Achilles einen Schatz an, wenn er ihm nur die Leiche seines Sohnes überlässt, damit er ihm die letzte Ehre erweisen kann. Er bittet Achilles, an seine eigene Familie zu denken und die Schmerzen zu verstehen, die ein Vater erleidet, wenn er sein Kind verliert. Achilles wird von Priamus' Flehen gerührt und gibt ihm die Leiche des Hektors zurück. Er erkennt die menschliche Tragödie des Krieges und die Schmerzen, die er verursacht. Das Gedicht endet mit einer Versöhnung zwischen den beiden Helden, die durch das gemeinsame Verständnis für den Schmerz des Verlustes eines geliebten Menschen verbunden sind.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Nur der Xanthus durch die Nacht
- Anapher
- Bei der Liebe deines Vaters - / Sind nicht seine Haare weiß / Wie der Greis, der zu dir flehet; / Harret nicht der edle Greis / Der Umarmung seines Sohnes, / Eh er zu den Vätern geht? / Bei der Liebe deines Vaters / Höre, was ein Vater fleht!
- Bildsprache
- Milde Silberlocken wallen / Um ein Greisenantlitz her
- Metapher
- Sehnsucht schwellt die Heldenbrust
- Personifikation
- Daß des tapfern Feindes Blut, / Von dem Rächerstahl vergossen, / Färbte des Skamanders Flut