Ein Sänger mit rundem, weichem Tenor,
Der schmelzende Arien süß trägt vor,
Im Schauspiel ein liebender junger Held,
Der schön deklamirt und rührend fällt,
Ein Akrobat auf dem schmalen Seil
Aufschreitend zum Giebel hoch und steil,
Ein Offizier in schmucker Montur,
Feurig blickend, schlank von Figur,
Ein munterer Jäger in grünem Rock,
Birschend auf Hirsch und Gemsenbock,
Ein Maler mit dunklem Lockenhaar
Und Augen im Kopfe frisch und klar,
Ein junger Geistlicher, sanft und keck,
Auf der Kanzel predigend ohne Schreck,
Ein Mörder, gruselig interessant,
Den Tod erwartend von Henkershand!
Diese gewinnen allerwärts
Ohne viel Werben ein Weiberherz.
Priamel
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Priamel“ von Friedrich Theodor Vischer entwirft ein satirisches Bild der gesellschaftlichen Konventionen und der weiblichen Vorlieben im 19. Jahrhundert. Es bedient sich der Form der Priamel, einer rhetorischen Aufzählung von Figuren, die alle auf eine bestimmte Eigenschaft oder einen spezifischen Effekt hinauslaufen. Vischer nutzt diese Technik, um eine ironische Feststellung zu treffen: Männer unterschiedlicher Art, vom Sänger bis zum Mörder, erobern die Herzen der Frauen, ohne dass deren charakterliche oder berufliche Eigenschaften hierfür entscheidend wären.
Die Aufzählung der unterschiedlichen Typen ist breit gefächert und umfasst sowohl „positive“ Rollen wie den Sänger oder den Maler als auch „negative“ Figuren wie den Mörder. Die Gemeinsamkeit aller dieser Männer besteht darin, dass sie durch ihre Darbietung, ihr Auftreten oder ihre besondere Ausstrahlung das Interesse der Frauen wecken. Vischer spielt hier mit den gängigen Klischees und Erwartungen der Zeit, indem er suggeriert, dass es weniger auf die tatsächlichen Werte oder die innere Persönlichkeit ankommt, sondern vielmehr auf äußere Merkmale wie Charme, Attraktivität oder die Fähigkeit, Emotionen zu wecken. Der Offizier mit der schmucken Montur, der Akrobat auf dem schmalen Seil oder der Mörder, der „gruselig interessant“ erscheint, sind alles Beispiele für die Oberflächlichkeit, die Vischer kritisiert.
Der ironische Unterton des Gedichts wird durch die unaufgeregte, beinahe lapidare Feststellung im letzten Vers unterstrichen: „Diese gewinnen allerwärts / Ohne viel Werben ein Weiberherz.“ Hier wird die Moral der Geschichte ausgesprochen, die die Absurdität der vorher dargestellten Situation auf den Punkt bringt. Vischer reduziert die Eroberung der Frauen auf eine triviale Angelegenheit, bei der die verschiedenen Eigenschaften der Männer scheinbar keine Rolle spielen. Es scheint, als ob die bloße Anwesenheit, die äußere Erscheinung oder eine gewisse Fähigkeit zur Selbstdarstellung genügt, um die Aufmerksamkeit der Frauen zu gewinnen.
Das Gedicht ist somit eine Gesellschaftskritik, die die Oberflächlichkeit und die konventionellen Geschlechterrollen der Zeit aufs Korn nimmt. Vischer verwendet die Priamel, um eine paradoxe Botschaft zu vermitteln: Während die aufgezählten Figuren äußerlich betrachtet sehr unterschiedlich sind, haben sie eines gemeinsam – sie alle erobern scheinbar mühelos die Herzen der Frauen. Durch diese Ironie und die scheinbar einfache Sprache entlarvt Vischer die gängigen Klischees und Erwartungen, die das weibliche Begehren steuern sollen, und wirft einen kritischen Blick auf die soziale Konstruktion von Männlichkeit und Weiblichkeit.
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Lizenz und Verwendung
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