Preisgesang der Blumengöttinn
1838Ich bin die Blumenköniginn, Die Welt- und Himmelsgärtnerinn; Denn Berg und Thal, Gebirg′ und Wiesen säugen Die edeln Blumen nicht allein: Sie wachsen in Krystall und Stein, Sie lassen sich in Erz und Muscheln zeugen.
Die Flüsse, Seen und das Meer Sind nicht von Klee und Veilchen leer; Ja, Vorwitz hat sogar die Pracht Agtsteinenen Geblüms und Rosen aus Krystallen, Als die sich in der Luft versteinernden Korallen, Aus Thetis Schooß′ an′s Licht gebracht.
So ist′s auch nur ein Alpbild im Gehirne, Daß ein Gestirn ein Bär sei oder Stier. Der Erdball stellt ja einen Garten für Durch meiner Blumen irdische Gestirne; Der Himmel aber ist ein Garten; seine Sterne Sind Blumen; der neun hellen Sterne Glanz War vor der Zeit der Ariadne Kranz.
So mögt ihr euch vor mir schamröthig nun entfernen, Ihr Göttinnen der andern Jahreszeit, Weil Ceres nur allein im Sommer Klee abmeiht, Pomone nur den Herbst ausziert mit Obstgerichten, Der Himmel auch nur prangt mit Blumen, nicht mit Früchten. Hingegen ist mein Schmuck des ganzen Jahres Kleid, Den nicht der Reif des Herbstes kann entfärben, Der Sommer nicht versengen und verderben, Des Winters Frost nicht tilgt, der Alles sonst verschneit.
Kein Kraut, kein Baum bringt seine Frucht herfür, Die nicht vorher mit Blüth′ und Blumen prahlen. Der Pomeranzen purpurreiche Schalen Sind doch beschämt durch ihrer Blüthe Zier; Die Nuß giebt nach der Blume der Muskaten, Und der Geschmack der Aepfel von Granaten Weicht ihrer Blüth′ an Farben und Geruch; Das fette Feld ist ein smaragden Tuch, Eh′ als man kann einernten falsche Saaten. Mein Blumwerk hegt sogar, wie Trauben, Wein und Most, Dient Menschen zur Arznei und Bienen zu der Kost.
Ja, meiner Blumen Purpur giebt Der Lieb′ ein Wohnhaus ab, der Wollust eine Wiege; Jedweder Stengel ist ein Merkmal ihrer Siege; Denn alle Blumen sind verliebt, Ihr Wohlgeruch ist ihrer Seele Sehnen, Die Farb′ ihr Brand, der Thau die Liebesthränen.
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Interpretation
Das Gedicht "Preisgesang der Blumengöttinn" von Daniel Caspar von Lohenstein feiert die Göttin der Blumen als allgegenwärtige und ewige Herrscherin über Natur und Kosmos. Die Blume wird als Königin dargestellt, die nicht nur auf Feldern und Wiesen wächst, sondern auch in Kristallen, Steinen, Erz und Muscheln. Selbst Flüsse, Seen und das Meer sind voller Blumen, und die Korallen im Ozean werden als versteinerte Blumen beschrieben. Der Dichter erweitert diese Vorstellung bis in den Himmel, wo die Sterne als Blumen gesehen werden, und der Sternenkranz der Ariadne als Symbol für die ewige Pracht der Blume dient. Die Göttin der Blumen übertrifft andere Göttinnen wie Ceres, die Göttin des Ackerbaus, und Pomona, die Göttin der Obstbaumkultur, da ihr Schmuck das ganze Jahr hindurch besteht. Während andere Jahreszeiten und ihre Göttinnen nur für begrenzte Zeiträume präsent sind, bleibt die Blume ewig und unberührt von den Wechselfällen der Jahreszeiten. Der Dichter betont, dass keine Frucht ohne vorherige Blüte entstehen kann, und dass die Blumen selbst Wein, Medizin und Nahrung für Bienen bereitstellen. Im letzten Teil des Gedichts wird die Blume als Symbol der Liebe und Leidenschaft dargestellt. Die Farben und Düfte der Blumen werden als Ausdruck der seelischen Regungen der Liebe interpretiert, wobei der Tau als Tränen der Liebe gilt. Die Blume wird somit als Wohnstatt der Liebe und als Wiege der Wollust beschrieben, wobei jeder Stängel ein Zeichen des Sieges der Liebe ist. Die Blume wird als universelles Symbol für die Schönheit, die Fruchtbarkeit und die emotionale Kraft der Natur gefeiert.
Schlüsselwörter
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Stilmittel
- Alliteration
- Die edeln Blumen nicht allein
- Hyperbel
- Mein Blumwerk hegt sogar, wie Trauben, Wein und Most
- Metapher
- Meiner Blumen Purpur giebt Der Lieb′ ein Wohnhaus ab, der Wollust eine Wiege
- Personifikation
- Jedweder Stengel ist ein Merkmal ihrer Siege; Denn alle Blumen sind verliebt