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Predigt ans Großstadtvolk

Von

Ja, die Großstadt macht klein.
Ich sehe mit erstickter Sehnsucht
durch tausend Menschendünste zur Sonne auf;
und selbst mein Vater, der sich zwischen den Riesen
seines Kiefern- und Eichen-Forstes
wie ein Zaubermeister ausnimmt,
ist zwischen diesen prahlenden Mauern
nur ein verbauertes altes Männchen.
O laßt euch rühren, ihr Tausende!
Einst sah ich euch in sternklarer Wintemacht
zwischen den trüben Reihen der Gaslatemen
wie einen ungeheuren Heerwurm
den Ausweg aus eurer Drangsal suchen;
dann aber krocht ihr in einen bezahlten Saal
und hörtet Worte durch Rauch und Bierdunst schallen
von Freiheit, Gleichheit und dergleichen.
Geht doch hinaus und seht die Bäume wachsen:
sie wurzeln fest und lassen sich züchten,
und jeder bäumt sich anders zum Licht.
Ihr freilich, ihr habt Füße und Fäuste,
euch braucht kein Forstmann erst Raum zu schaffen,
ihr steht und schafft euch Zuchthausmauern –
so geht doch, schafft euch Land! Land! rührt euch!
vorwärts! rückt aus! –

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Predigt ans Großstadtvolk von Richard Dehmel

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Predigt ans Großstadtvolk“ von Richard Dehmel ist eine eindringliche Kritik an der Entfremdung und Enge des Großstadtlebens, adressiert an die anonyme Masse der Stadtbewohner. Der Dichter nimmt die Perspektive eines Beobachters ein, der die Kleinheit und den Verlust von Natürlichkeit beklagt, die das urbane Umfeld mit sich bringt. Die Sehnsucht nach der Sonne und die Erwähnung des Vaters, der in der Natur als „Zaubermeister“ gilt, verdeutlichen den Kontrast zwischen der Freiheit des ländlichen Lebens und der Einengung in der Großstadt.

Dehmel prangert die Selbstbeschränkung und den Verlust der individuellen Entfaltung an. Die Großstadt wird als ein Ort dargestellt, der seine Bewohner verkleinert und in stereotype Muster zwingt. Die Metapher des „Heerwurms“, der nach einem Ausweg sucht, unterstreicht das Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Orientierungslosigkeit. Die „Worte durch Rauch und Bierdunst schallen“ sind eine Anspielung auf leere Versprechungen von Freiheit und Gleichheit, die in den Versammlungen der Stadt formuliert werden. Diese Kritik richtet sich gegen die politische Scheinheiligkeit und das Fehlen echter Veränderungen.

Das Gedicht plädiert für eine Rückkehr zur Natur und zur individuellen Freiheit. Die Bäume, die sich „anders zum Licht“ bäumen, dienen als positives Gegenbild zur gleichförmigen Masse der Stadtbewohner. Der Appell „Geht doch, schafft euch Land! Land! rührt euch! vorwärts! rückt aus!“ ist ein Aufruf zur Selbstverwirklichung und zur aktiven Gestaltung des eigenen Lebens. Die Aufforderung, sich „Zuchthausmauern“ selbst zu schaffen, ist eine Kritik an der Selbstbeschränkung und der passiven Hinnahme der bestehenden Zustände.

Die Sprache des Gedichts ist emotional und appellativ, mit Ausrufen und direkten Ansprachen an das „Großstadtvolk“. Dehmel verwendet eine Mischung aus bildhaften Beschreibungen und direkten Anweisungen, um seine Botschaft wirkungsvoll zu vermitteln. Die Verwendung von rhetorischen Fragen und Ausrufen verstärkt die Dringlichkeit und den leidenschaftlichen Ton des Gedichts. Das Gedicht ist somit ein Aufruf zur Selbstreflexion und zur aktiven Veränderung des eigenen Lebens, um der Enge der Großstadt zu entkommen und ein erfülltes Leben zu führen.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.