Predigt ans Großstadtvolk

Richard Dehmel

1863

Ja, die Großstadt macht klein. Ich sehe mit erstickter Sehnsucht durch tausend Menschendünste zur Sonne auf; und selbst mein Vater, der sich zwischen den Riesen seines Kiefern- und Eichen-Forstes wie ein Zaubermeister ausnimmt, ist zwischen diesen prahlenden Mauern nur ein verbauertes altes Männchen. O laßt euch rühren, ihr Tausende! Einst sah ich euch in sternklarer Wintemacht zwischen den trüben Reihen der Gaslatemen wie einen ungeheuren Heerwurm den Ausweg aus eurer Drangsal suchen; dann aber krocht ihr in einen bezahlten Saal und hörtet Worte durch Rauch und Bierdunst schallen von Freiheit, Gleichheit und dergleichen. Geht doch hinaus und seht die Bäume wachsen: sie wurzeln fest und lassen sich züchten, und jeder bäumt sich anders zum Licht. Ihr freilich, ihr habt Füße und Fäuste, euch braucht kein Forstmann erst Raum zu schaffen, ihr steht und schafft euch Zuchthausmauern - so geht doch, schafft euch Land! Land! rührt euch! vorwärts! rückt aus! -

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Illustration zu Predigt ans Großstadtvolk

Interpretation

Das Gedicht "Predigt ans Großstadtvolk" von Richard Dehmel kritisiert die entmenschlichende Wirkung des städtischen Lebens. Der Sprecher beschreibt, wie die Großstadt die Menschen klein macht und ihre wahre Natur verdeckt. Selbst ein starker Mann wie der Vater des Sprechers, der in der Natur wie ein Zaubermeister wirkt, erscheint in der Stadt nur als ein verbauertes altes Männchen. Der Sprecher ruft die Menschen auf, sich zu rühren und aus ihrer bedrückenden Situation auszubrechen. Der Sprecher erinnert sich an einen Moment, in dem er die Menschen in der Stadt wie einen "ungeheuren Heerwurm" sah, der nach einem Ausweg aus ihrer Not suchte. Doch anstatt diesen Ausweg zu finden, ziehen sich die Menschen in bezahlte Säle zurück, wo sie Worte über Freiheit und Gleichheit durch Rauch und Bierdunst hören. Der Sprecher fordert die Menschen auf, hinauszugehen und die Bäume wachsen zu sehen, die fest verwurzelt sind und sich auf unterschiedliche Weise dem Licht entgegenstrecken. Im Gegensatz dazu haben die Menschen Füße und Fäuste, brauchen keinen Forstmann, um Raum zu schaffen, und stehen trotzdem in selbst geschaffenen Zuchthausmauern. Der Sprecher appelliert an die Menschen, Land zu schaffen und sich zu bewegen. Er ruft sie auf, vorwärts zu gehen und auszuziehen. Das Gedicht ist eine leidenschaftliche Aufforderung an die Menschen, aus der bedrückenden städtischen Umgebung auszubrechen und ein freieres, natürlicheres Leben zu führen. Es betont die Wichtigkeit von Selbstbestimmung und den Mut, sich von den Fesseln der Stadt zu lösen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Land! Land! rührt euch! vorwärts! rückt aus!
Hyperbel
O laßt euch rühren, ihr Tausende!
Metapher
Ich sehe mit erstickter Sehnsucht durch tausend Menschendünste zur Sonne auf
Personifikation
Worte durch Rauch und Bierdunst schallen
Symbolik
Gaslatemen
Vergleich
wie einen ungeheuren Heerwurm