Prahle nicht!

Max Vogler

1889

Prahle nicht mit deiner Schönheit! Denn du weißt wohl, wie viel Blüthen Noch bevor der Sommer nahte Schon verwelkten und verglühten!

Prahle nicht mit deinem Reichthum! Denn wie oft ward er entrissen Denen, die mit leerer Seele Ihn nun bitter, bitter missen!

Prahle nicht mit deiner Klugheit! Denn sie kann ja nicht durchdringen Alle Höhen, alle Tiefen Und die rechte Wahrheit bringen!

Prahle nicht mit deinem Mitleid, Das zum Wohlthun auserlesen! Was du dem Bedrängten thatest Ist nur deine Pflicht gewesen!

Prahle nicht mit deiner Reinheit, Die so frei von jedem Fehle! Du hast manches wohl verschuldet, Weiß es auch nicht deine Seele!

Prahle nicht mit deinem Hochsinn, Der das Rechte stets erstrebe! Darum ward ihm die Vernunft ja Daß der Mensch nur menschlich lebe!

Prahle nicht mit deinem Glück du, Das die Seele dir umfangen! Denn wir bleiben immer Staub nur, Schweben zwischen Hangen, Bangen!

Prahle nicht! doch wenn dein Geist dir Festen Sinn im Kampf bescheerte, Darfst du rufen: Ich bin reicher, Reicher, als die ganze Erde!

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Illustration zu Prahle nicht!

Interpretation

Das Gedicht "Prahle nicht!" von Max Vogler ist eine eindringliche Mahnung gegen Selbstüberschätzung und Stolz. In acht Strophen appelliert der Autor an den Leser, nicht mit verschiedenen Eigenschaften und Umständen zu prahlen. Er beginnt mit der Schönheit, die vergänglich ist wie Blumen, die vor dem Sommer verwelken. Dann folgt der Reichtum, der oft denen entrissen wird, die ihn nicht zu schätzen wussten. Die Klugheit wird als begrenzt dargestellt, da sie nicht alle Wahrheiten durchdringen kann. Das Mitleid wird als Pflicht und nicht als Grund zum Stolz betrachtet. Die Reinheit wird als unvollkommen dargestellt, da jeder Fehler begeht, auch wenn die Seele es nicht weiß. Der Hochmut wird als menschliche Schwäche gesehen, die durch die Vernunft gemäßigt werden soll. Das Glück wird als vergänglich und unsicher beschrieben, da wir alle nur Staub sind, der zwischen Hoffnung und Furcht schwebt. Das Gedicht endet jedoch mit einer Ausnahme: Wenn der Geist einem einen festen Sinn im Kampf geschenkt hat, darf man sich rühmen, reicher zu sein als die ganze Erde. Dies impliziert, dass der einzige wahre Reichtum in der inneren Stärke und dem festen Willen liegt, der einem hilft, die Herausforderungen des Lebens zu meistern. Vogler betont damit die Bedeutung von Charakter und Entschlossenheit im Gegensatz zu äußeren Attributen und Umständen, die vergänglich und unzuverlässig sind. Das Gedicht ist eine zeitlose Erinnerung daran, dass wahre Größe von innen kommt und nicht von äußeren Faktoren abhängt.

Schlüsselwörter

prahle seele ward bitter alle rechte reicher schönheit

Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
Die Wiederholung des Satzanfangs 'Prahle nicht' zu Beginn jeder Strophe.
Bildsprache
Die Verwendung von Bildern wie 'verwelkten und verglühten' und 'Staub' zur Veranschaulichung von Vergänglichkeit.
Hyperbel
Die Aussage 'Reicher, als die ganze Erde' am Ende des Gedichts.
Kontrast
Der Gegensatz zwischen dem Besitz (Schönheit, Reichtum, Klugheit) und seiner Vergänglichkeit oder Unzulänglichkeit.
Metapher
Blüthen, die 'verwelkten und verglühten' als Symbol für die Vergänglichkeit der Schönheit.
Parallelismus
Die strukturelle Ähnlichkeit der Strophen, die jeweils mit 'Prahle nicht' beginnen und ein anderes Thema behandeln.
Personifikation
Die Vergabe menschlicher Eigenschaften an abstrakte Konzepte wie 'Hochsinn' und 'Vernunft'.
Rhetorische Frage
Die implizite Frage nach dem Wert von Schönheit, Reichtum, Klugheit etc., wenn sie vergänglich oder unvollkommen sind.
Symbolik
Die Verwendung von 'Blüthen' als Symbol für Schönheit und 'Staub' als Symbol für Vergänglichkeit und Bescheidenheit.