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Prähistorische Ballade

Von

Ein Ichthyosaur sich wälzte
Am schlammigen, mulstrigen Sumpf.
Ihm war in der Tiefe der Seele
So säuerlich, saurisch und dumpf,

So dämlich, so zäh und so tranig,
So schwer und so bleiern und stumpf;
Er stürzte sich in das Moorbad
Mit platschendem, tappigem Pflumpf.

Da sah er der Ichthyosaurin,
So zart und so rund und so schlank,
Ins schmachtende Eidechsenauge,
Da ward er vor Liebe so krank.

Da zog es ihn hin zu der Holden
Durchs klebrige Urweltgemüs,
Da ward aus dem Ichthyosauren
Der zärtlichste Ichthyosüß.

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Gedicht: Prähistorische Ballade von Friedrich Theodor Vischer

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Prähistorische Ballade“ von Friedrich Theodor Vischer ist eine humorvolle und ironische Auseinandersetzung mit den urzeitlichen Wurzeln der Liebe und des Begehrens. Es verwendet die Figuren eines Ichthyosauriers und einer Ichthyosaurin, um eine Parodie auf die klassischen Liebesballaden zu inszenieren. Der Text ist gekennzeichnet durch eine Mischung aus wissenschaftlichen Begriffen und umgangssprachlichen Ausdrücken, was dem Ganzen einen grotesken und amüsanten Charakter verleiht.

Der erste Teil des Gedichts beschreibt die trübe und düstere Befindlichkeit des Ichthyosauriers, der in seinem „mulstrigen Sumpf“ vor sich hinleidet. Die Aufzählung negativer Adjektive wie „säuerlich, saurisch und dumpf“ oder „zäh und so tranig“ verdeutlicht die Leere und Monotonie seines prähistorischen Daseins. Die Anspielung auf die Schwere und den Stumpfsinn des Urzeitwesens, die mit einem „platschendem, tappigem Pflumpf“ in ein Moorbad stürzt, bereitet den Boden für die darauffolgende Wendung, die durch die Begegnung mit der Ichthyosaurin ausgelöst wird.

Die zweite Strophe führt die Ichthyosaurin ein, die als „zart und so rund und so schlank“ beschrieben wird, wodurch ein Kontrast zum trüben Selbstbild des Ichthyosauriers hergestellt wird. Die Beschreibung der Blicke „ins schmachtende Eidechsenauge“ deutet bereits das Entstehen von Liebe an. Das „krank“ werden vor Liebe, was der Ballade eine dramatische Note gibt, die auf die klassischen Liebeslieder anspielt, die oftmals von Leid und Schmerz durch Liebe geprägt sind.

Im abschließenden Teil der Ballade, die Auflösung, erfolgt die Metamorphose des Ichthyosauriers, der sich auf den Weg macht, um seiner Geliebten näher zu kommen. Der Weg durch das „klebrige Urweltgemüs“ ist symbolisch für die Hindernisse und Schwierigkeiten, die mit der Liebe verbunden sind. Die abschließende Zeile, in der aus dem Ichthyosaurier der „zärtlichste Ichthyosüß“ wird, ist der Höhepunkt der Parodie. Sie unterstreicht das humorvolle Spiel mit dem Pathos der Liebeslyrik und verwandelt das urzeitliche Wesen in eine lächerliche, aber dennoch liebenswerte Figur. Vischer nutzt somit die Prähistorie als Folie, um die universellen Themen Liebe und Begehren auf amüsante und ironische Weise zu verhandeln.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.