Poseidon
1797Die Sonnenlichter spielten Über das weithinrollende Meer; Fern auf der Reede glänzte das Schiff, Das mich zur Heimat tragen sollte; Aber es fehlte an gutem Fahrtwind. Und ich saß noch ruhig auf weißer Düne, Am einsamen Strand, Und ich las das Lied vom Odysseus, Das alte, ewig junge Lied, Aus dessen meerdurchrauschten Blättern Mir freudig entgegenstieg Der Atem der Götter, Und der leuchtende Menschenfrühling, Und der blühende Himmel von Hellas.
Mein edles Herz begleitete treulich Den Sohn des Laertes, in Irrfahrt und Drangsal, Setzte sich mit ihm, seelenbekümmert, An gastliche Herde, Wo Königinnen Purpur spinnen, Und half ihm lügen und glücklich entrinnen Aus Riesenhöhlen und Nymphenarmen, Folgte ihm nach in kimmerische Nacht, Und in Sturm und Schiffbruch, Und duldete mit ihm unsägliches Elend.
Seufzend sprach ich: Du böser Poseidon, Dein Zorn ist furchtbar, Und mir selber bangt Ob der eigenen Heimkehr.
Kaum sprach ich die Worte, Da schäumte das Meer, Und aus den Wellen stieg Das schilfbekränzte Haupt des Meergotts, Und höhnisch rief er:
Fürchte dich nicht, Poetlein! Ich will nicht im geringsten gefährden Dein armes Schiffchen, Und nicht dein liebes Leben beängstgen Mit allzu bedenklichem Schaukeln. Denn du, Poetlein, hast mich nie erzürnt, Du hast kein einziges Türmchen verletzt An Priamos′ heiliger Feste, Kein einziges Härchen hast du versengt Am Aug meines Sohnes Polyphemos, Und dich hat niemals ratend beschützt Die Göttin der Klugheit, Pallas Athene.
Also rief Poseidon Und tauchte zurück ins Meer; Und über den groben Seemannswitz Lachten unter dem Wasser Amphitrite, das plumpe Fischweib, Und die dummen Töchter des Nereus.
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Interpretation
Das Gedicht "Poseidon" von Heinrich Heine erzählt von einem lyrischen Ich, das am Strand sitzt und das Lied vom Odysseus liest. Es befindet sich in einer Situation der Erwartung und des Wartens, da ein Schiff zur Heimatfahrt bereitsteht, aber der Wind fehlt. Das Lesen des Odysseusliedes versetzt das lyrische Ich in eine tiefe emotionale Verbindung mit der antiken Heldengestalt und deren Abenteuern. Das lyrische Ich begleitet Odysseus seelisch durch seine Irrfahrten und Drangsale, teilt seine Ängste und Leiden. Es erlebt die Gastfreundschaft königlicher Höfe, die Gefahren in Riesenhöhlen und die Umarmungen von Nymphen mit. Das Gedicht vermittelt eine starke Identifikation des lyrischen Ichs mit Odysseus, das sich in der Auseinandersetzung mit den Göttern und den Widrigkeiten des Schicksals wiederfindet. Als das lyrische Ich Poseidon, den Gott des Meeres, um seine Heimkehr fürchtet, erscheint dieser höhnisch aus den Wellen. Poseidon beruhigt das "Poetlein" und versichert ihm, dass es nicht in Gefahr sei, da es ihm nie etwas zuleide getan habe. Der Gott betont, dass das lyrische Ich weder Priamos' Festung beschädigt noch seinen Sohn Polyphemos verletzt habe und auch nicht von der Göttin Pallas Athene beschützt worden sei. Das Gedicht endet mit einem Augenzwinkern, als Poseidon und seine Gefährtinnen über den "grob[en] Seemannswitz" lachen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- über das weithinrollende
- Anapher
- Du hast kein einziges Türmchen verletzt, Kein einziges Härchen hast du versengt
- Bildsprache
- Am einsamen Strand
- Metapher
- Und tauchte zurück ins Meer
- Personifikation
- Und über den groben Seemannswitz lachten unter dem Wasser Amphitrite, das plumpe Fischweib, Und die dummen Töchter des Nereus