Porta Nigra

Stefan George

1933

Dass ich zu eurer zeit erwachen musste Der ich die pracht der Treverstadt gekannt Da sie den ruhm der schwester Roma teilte - Da auge glühend groß die züge traf Der klirrenden legionen - in der rennbahn Die blonden Franken die mit löwen stritten - Die tuben vor palästen und den Gott Augustus purpurn auf den goldnen wagen!

Hier zog die Mosel zwischen heitren villen… O welch ein taumel klang beim fest des weines! Die mädchen trugen urnen lebensschwellend - Kaum kenn ich diese trümmer - an den resten Der kaiserlichen mauern leckt der nebel - Entweiht in särgen liegen heilige bilder - Daneben hingewühlt barbarenhöhlen… Nur aufrecht steht noch mein geliebtes tor!

Im schwarzen flor der zeiten doch voll stolz Wirft es aus hundert fenstern die verachtung Auf eure schlechten hütten (reisst es ein Was euch so dauernd höhnt!) auf eure menschen: Die fürsten priester knechte gleicher art Gedunsne larven mit erloschnen blicken Und frauen die ein sklav zu feil befände - Was gelten alle Dinge die ihr rühmet:

Das edelste ging euch verloren: blut… Wir schatten atmen kräftiger! Lebendige Gespenster! Lacht der knabe Manlius… Er möchte über euch kein zepter schwingen Der sich des niedrigsten erwerbs beflissen Den ihr zu nennen scheut - ich ging gesalbt Mit perserdüften um dies nächtige tor Und gab mich preis den söldnern der Cäsaren!

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Illustration zu Porta Nigra

Interpretation

Das Gedicht "Porta Nigra" von Stefan George beschreibt die tiefe Sehnsucht und Trauer des lyrischen Ichs nach der glorreichen Vergangenheit der römischen Stadt Trier. Es kontrastiert die einstige Pracht und den kulturellen Reichtum der Stadt, in der das römische Erbe noch lebendig war, mit der heutigen Verwahrlosung und dem moralischen Verfall. Die Porta Nigra, das "schwarze Tor", steht als einziges Monument noch aufrecht und symbolisiert die ungebrochene Würde der Vergangenheit, während die heutige Welt als minderwertig und entartet dargestellt wird. Die Vergangenheit wird als eine Zeit der Größe und des kulturellen Reichtums beschrieben, in der die Stadt Trier den Ruhm Roms teilte. Die Bilder von glühenden Augen, klirrenden Legionen, blonden Franken und dem Gott Augustus auf goldenen Wagen evozieren eine Zeit militärischer Stärke und kaiserlicher Pracht. Die Mosel, umgeben von heiteren Villen, und das Fest des Weines, bei dem die Mädchen lebensschwellend Urnen trugen, zeichnen ein Bild von Wohlstand und Lebensfreude. Im Gegensatz dazu ist die Gegenwart von Verfall und moralischer Degeneration geprägt. Die Überreste der kaiserlichen Mauern werden vom Nebel umspielt, heilige Bilder liegen entweiht in Särgen, und daneben befinden sich barbarische Höhlen. Die Menschen der heutigen Zeit werden als gedunsene Larven mit erloschenen Blicken beschrieben, die keine Würde mehr besitzen. Die Porta Nigra wirft mit ihrer Verachtung einen Schatten auf diese "schlechten Hütten" und die Menschen, die sie bewohnen, und unterstreicht so den tiefen Abgrund zwischen der glorreichen Vergangenheit und der enttäuschenden Gegenwart.

Schlüsselwörter

tor ging zeit erwachen musste pracht treverstadt gekannt

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
pracht der Treverstadt
Anspielung
Lacht der knabe Manlius
Bildsprache
Hier zog die Mosel zwischen heitren villen
Hyperbel
Was euch so dauernd höhnt!
Kontrast
Daneben hingewühlt barbarenhöhlen
Metapher
gab mich preis den söldnern der Cäsaren
Personifikation
Im schwarzen flor der zeiten doch voll stolz
Rhetorische Frage
Was gelten alle Dinge die ihr rühmet: