Pompeji und Herculanum
1759Welches Wunder begibt sich? Wir flehten um trinkbare Quellen, Erde, dich an, und was sendet dein Schoß uns herauf! Lebt es im Abgrund auch? Wohnt unter der Lava verborgen Noch ein neues Geschlecht? Kehrt das entflohne zurück? Griechen, Römer, o kommt! O seht, das alte Pompeji Findet sich wieder, aufs neu bauet sich Hercules Stadt. Giebel an Giebel steigt, der räumige Porticus öffnet Seine Hallen, o eilt, ihn zu beleben, herbei! Aufgetan ist das weite Theater, es stürze durch seine Sieben Mündungen sich flutend die Menge herein. Mimen, wo bleibt ihr? Hervor! Das bereitete Opfer vollende Atreus Sohn, dem Orest folge der grausende Chor! Wohin führet der Bogen des Siegs? Erkennt ihr das Forum? Was für Gestalten sind das auf dem curulischen Stuhl? Traget, Lictoren, die Beile voran! Den Sessel besteige Richtend der Prätor, der Zeug′ trete, der Kläger vor ihn. Reinliche Gassen breiten sich aus, mit erhöhetem Pflaster Zeihet der schmälere Weg neben den Häusern sich hin. Schützend springen die Dächer hervor, die zierlichen Zimmer Reihn um den einsamen Hof heimlich und traulich sich her. Öffnet die Läden geschwind und die lange verschütteten Türen! In die schaudrigte Nacht falle der lustige Tag! Siehe, wie rings um den Rand die netten Bänke sich dehnen, Wie von bunten Gestein schimmernd das Estrich sich hebt! Frisch noch erglänzt die Wand von heiter brennenden Farben. Wo ist der Künstler? Er warf eben den Pinselhinweg. Schwellender Früchte voll und lieblich geordneter Blumen Fasset der muntre Feston reizende Bildungen ein. Mit beladenem Korb schlüpft hier ein Amor vorüber, Emsige Genien dort keltern den purpurnen Wein; Hoch auf springt die Bacchantin im Tanz, dort ruhet sie schlummernd, Und der lauschende Faun hat sich nicht satt noch gesehen. Flüchtig tummelt sie hier den raschen Centauren, auf einem Knie nur schwebend, und treibt frisch mit dem Thyrsus ihn an. Knaben! Was säumt ihr? Herbei! Da stehn noch die schönen Geschirre. Frisch, ihr Mädchen, und schöpft in den etrurischen Krug! Steht nicht der Dreifuß hier auf schön geflügelten Sphiuxen? Schüret das Feuer! Geschwind, Sklaven, bestellet den Herd! Kauft, hier geb′ ich euch Münzen, vom mächtigen Titus gepräget; Auch noch die Waage liegt hier, sehet, es fehlt kein Gewicht. Stecket das brennende Licht auf den zierlich gebildeten Leuchter, Und mit glänzendem Öl fülle die Lampe sich an! Was verwahret dies Kästchen? O seht, was der Bräutigam sendet, Mädchen! Spangen von Gold, glänzende Pasten zum Schmuck. Führet die Braut in das duftende Bad, hier stehn noch die Salben. Schminke find′ ich noch hier in dem gehöhlten Kristall. Aber wo bleiben die Männer? Die Alten? Im ernsten Museum Liegt noch ein köstlicher Schatz seltener Rollen gehäuft. Griffel findet ihr hier zum Schreiben, wächserne Tafeln; Nichts ist verloren, getreu hat es die Erde bewahrt. Auch die Penaten, sie stellen sich ein, es finden sich alle Götter wieder; warum bleiben die Priester nur aus? Den Caduceus schwingt der zierlich geschenkte Hermes, Und die Victoria fliegt leicht aus der haltenden Hand. Die Altäre, sie stehen noch da, o kommet, o zündet - Lang schon entbehrte der Gott - zündet die Opfer ihm an!
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Interpretation
Das Gedicht "Pompeji und Herculanum" von Friedrich von Schiller ist ein eindringlicher Appell an die Bewohner der antiken Städte, die durch den Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. verschüttet wurden. Schiller beschreibt die wiederentdeckten Ruinen und ruft die Menschen dazu auf, die Städte wieder zum Leben zu erwecken und ihre einstige Pracht wiederherzustellen. Der Dichter malt ein lebendiges Bild der wiedererstandenen Städte, in denen sich Giebel an Giebel erheben und der Portikus seine Hallen öffnet. Er ruft die Bewohner dazu auf, das weite Theater zu füllen und die alten Bräuche wieder aufleben zu lassen. Schiller erwähnt auch die verschiedenen Aspekte des städtischen Lebens, wie die curulischen Stühle im Forum, die reinlichen Gassen und die schützenden Dächer der Häuser. Das Gedicht endet mit einem Aufruf an die Priester, die Opfer an den Altären wieder anzuzünden und die alten Götter zu ehren. Schiller betont die Bewahrung der Kultur und des Erbes durch die Erde, die die wertvollen Rollen, Schreibgeräte und sogar die Penaten, die Haushaltsgötter, geschützt hat. Das Gedicht ist ein leidenschaftlicher Aufruf, die verloren geglaubte Pracht der antiken Städte wiederherzustellen und ihre kulturelle Bedeutung zu würdigen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- frisch noch erglänzt die Wand von heiter brennenden Farben
- Anapher
- Stehet nicht der Dreifuß hier auf schön geflügelten Sphiuxen? Schüret das Feuer! Geschwind, Sklaven, bestellet den Herd!
- Apostrophe
- Griechen, Römer, o kommt! O seht, das alte Pompeji
- Bildsprache
- Mit beladenem Korb schlüpft hier ein Amor vorüber
- Hyperbel
- Sieben Mündungen sich flutend die Menge herein.
- Ironie
- Lang schon entbehrte der Gott - zündet die Opfer ihm an!
- Metapher
- Erde, dich an, und was sendet dein Schoß uns herauf!
- Personifikation
- Welches Wunder begibt sich?
- Symbolik
- Den Caduceus schwingt der zierlich geschenkte Hermes