Pompejanischer Abend

Oskar Loerke

1913

Singt es? Wilde Bienen suchen In der Mauer ihren Spalt. “Roten Bergwein, weißen Kuchen - Weihe sie, der Gott ist alt.”

Schwärmend bin ich eingeschlossen. Und ich folge dem Gebot. Welt und Jahr wächst, nachgenossen: Roter Bergwein, weißes Brot.

Stirn und Haar kühlt Mondenfrische Zwischen Säulen ohne Dach. An des Griechen Marmortische Wird des Meißels Bildwerk wach.

Weiße Ziegenböcke traben, Rosen fesseln Bock zu Bock; Über ihnen fliegen Knaben Mit der Geißel, mit dem Stock.

Stummes junges Ingesinde Schleppt und wirft ins leere Haus Schläuche Weines, Fruchtgebinde, Mandelzweig, Mimosenstrauß.

Wie von innerm Licht beschienen, Das Geruch und Garten glaubt, Schweben aus der Wand die Bienen Musizierend mir ums Haupt.

Ach, sie ruhn im Mauerloche: Sterne schweben um das Mahl; Süßer trägt am Himmelsjoche Als am Balkendach der Saal.

Singt es nicht? “Wer kann, ermesse Unser aller großen Herrn! Feuer wühlt des Berges Esse, Feuer wühlt im Traubenkern.” -

Boten wird ein Gott beordern, Seine Söhne, kinderklein, Und sie grüßen und sie fordern Meiner Augen Traumtag ein.

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Illustration zu Pompejanischer Abend

Interpretation

Das Gedicht "Pompejanischer Abend" von Oskar Loerke zeichnet ein lebhaftes Bild eines Abends in der antiken Stadt Pompeji. Die Stimmung ist erfüllt von einer Mischung aus sinnlicher Freude und dem Bewusstsein der Vergänglichkeit. Die Bienen, die nach ihrem Platz in der Mauer suchen, symbolisieren die Suche nach einem sicheren Hafen in einer Welt, die von Vergänglichkeit und Zerstörung bedroht ist. Die Verse, die von Wein und Brot sprechen, verweisen auf die Freuden des Lebens und die Wichtigkeit, diese zu genießen, solange es noch möglich ist. Der Hinweis auf den alten Gott deutet auf die zeitlose Natur dieser Freuden hin. Die Szene am griechischen Marmortisch, wo das Bildwerk des Meißels erwacht, verleiht dem Gedicht eine mythische Dimension und verbindet die gegenwärtige Erfahrung mit der antiken Vergangenheit. Die abschließenden Verse des Gedichts bringen eine düstere Note ein, indem sie auf die bevorstehende Zerstörung durch den Vulkan hinweisen. Die Erwähnung der Boten, die von einem Gott gesandt werden, um die Träume der Augen einzufordern, deutet auf die unausweichliche Endlichkeit des Lebens und die Macht der Natur hin. Das Gedicht endet mit einem Gefühl der Resignation und Akzeptanz gegenüber dem Schicksal, das alle Geschöpfe teilen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Bildsprache
Meiner Augen Traumtag ein
Kontrast
Süßer trägt am Himmelsjoche
Metapher
Feuer wühlt des Berges Esse
Personifikation
Seine Söhne, kinderklein
Symbolik
Boten wird ein Gott beordern