Polterabend

Anton Wildgans

1930

Zu meinem Polterabend, lieber Freund, bin ich so frei, Sie herzlichst einzuladen. Fürchten Sie nicht, daß man “en masse” erscheint: ich weiß ja den Geschmack von Euer Gnaden. Ein ganz intimer Kreis von wen′gen Leuten, die zu den Freunden uns′res Hauses zählen; darunter Sie, der Sie uns mehr bedeuten — als Dichter — kurz, da dürfen Sie nicht fehlen. Mein Brätigam, der Ihnen nicht bekannt, dem ich von Ihnen viel und oft berichtet, ein Mann von Gaben, wenn er auch nicht — dichtet, ist, Sie zu kennen, äußerst schon gespannt. Auf keinen Fall ist Förmlichkeit vonnöten. Sie kommen im Sakko. Wahrscheinlich wird im Garten, wenn das Wetter schön, soupiert. Blumen und Toaste hab′ ich mir verbeten; und nun adieu! Für heute muß ich schließen. Am Mittwoch also! Mit den besten Grüßen von allen (auch von meinem Bräutigame) verbleib′ ich Ihre treue …." Klex und Name.

Du liebe, süßvertraute Mädchenschrift — ich forsch′ in dir, in diesem letzten Brief nach Bitterkeit, nach einem Tröpfchen Gift und fand ihn doch am Ende nur — naiv. Ein bißchen Spott — mein Gott, als Troubadour und armer Teufel wird man nicht geschont und ist ja doch Staffage nur in Haus des Glücks, von anderen bewohnt, und ist ein Geiger, der den vilden Harm aus seiner Seele auf die Saiten weint und seiner Liebsten aufzuspielen scheint zu Tanz und Lust in eines andern Arm, und ist ein Magier, der Herzen reich und hoffend macht, das Wunder zu erwarten, und dann vor seinem eig′nen Zaubergarten Almosen einstreicht, einem Bettler gleich, und sich nicht darf mit jenem andern messen, der Liebe gibt und überdies — zu essen.

Der Polterabend kam und war nicht öder, als solche Abende gewöhnlich sind. Die Eltern segnen still ihr Kind, dem Bräutigame gratuliert ein jeder. Dann kommen sie in Stimmung. Immer feister und rötlicher erstrahlen die Gesichter. In feuchten Augen schwimmen irre Lichter, des Pommery betörend tolle Geister. Da fällt ein Glas, dort platzt der erste Toast von Lippen, die von Wein und Rührung lallen. Und wie die Kelche aneinander prallen, da gröhlt die ganze stumpfe Herde “Prost!” — und dazu ludest du, Suzon, mich ein? Kennst du denn deinen alten Freund nicht besser? So zeigt man dem Verurteilten das Messer, mit dem man morgen will sein Henker sein. Ist, glaubst du, meine Phantasie verdorrt, daß sie sich nicht in Ekelqualen malt, wie morgen deine schimmernde Gestalt vor dieses Bockes Nüstern sich enflort - ?! — Doch da — indes zwei feuchte Lippen saugen unschlüssig noch am Rande des Kristalles, ein langer Blick aus grün erglühten Augen. Nun jauchzt mein Blut, und alles weiß ich — alles.

Und durch vertrauter Gänge Lampenschimmer stehl′ ich mich heimlich in ihr Mädchenzimmer. Da bist du wieder, lieber Dämmerraum! In Schatten jede Linie zergangen; des Mondes Licht in bleiche Stores verfangen. Da bist du wieder, längst gelebter Traum tastender Liebe zweier Kinderseelen, die Schumannliedern und Gedichten lauschten von Lenau und Musset und sich berauschten an Wiesenduft und hellen Vogelkehlen, und eines Abends dann beim Verselesen verwirrt erkannten, süßen Staunens voll, daß Klänge, Worte, Düfte nur Symbol für ihre Lippen erstes Glück gewesen. — Und dort wie einst, im Schatten weiß verhangen, ihr Bett, bereit, wie eine weiche Gruft, des schlanken Leibes letzten keuschen Duft, die letzten Mädchenträume zu umfangen.

Da huscht′s herein — so wie sie damals kam, und alles war wie einst, so daß sie wieder mein Haupt in ihre beiden Hände nahm, mir leise küssend die geschloss′nen Lider — nur daß sie jetzt, an meiner Brust geborgen, mit einemmal so stumm ward und so schwer, und daß ein düstres “Nimmermehr” uns beben machte statt des süßen “Morgen!” Und dann steht sie vor mir, halb Sphinx, halb Kind. — Wie diese rätselgrünen Augen schauen, wie hart auf einmal diese steilen Brauen und alabasterstarr die Wangen sind! Und wie zum letztenmal im Niederneigen mein Mund an diese kühlen Lippen rührt, hat sie ein Fremdes mir, ein Hauch entführt, und diese Lippen sind nicht mehr mein eigen.

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Illustration zu Polterabend

Interpretation

Das Gedicht "Polterabend" von Anton Wildgans erzählt die Geschichte eines Mannes, der zu einem Polterabend eingeladen wird, bei dem sich seine ehemalige Geliebte mit einem anderen Mann verlobt. Der Protagonist fühlt sich als Außenseiter und Staffage in dem Haus des Glücks, das von anderen bewohnt wird. Er vergleicht sich mit einem Geiger, der den wilden Schmerz aus seiner Seele auf die Saiten weint und seiner Liebsten aufspielt zu Tanz und Lust in eines andern Arm. Er fühlt sich auch wie ein Magier, der Herzen reich und hoffend macht, das Wunder zu erwarten, und dann vor seinem eigenen Zaubergarten Almosen einstreicht, einem Bettler gleich. Auf dem Polterabend fühlt sich der Protagonist unwohl und ekelhaft, als er sieht, wie die Gäste in Stimmung kommen und die Eltern ihr Kind segnen. Er fühlt sich wie ein Verurteilter, dem man das Messer zeigt, mit dem man morgen sein Henker sein will. Er malt sich in Ekelqualen aus, wie morgen die schimmernde Gestalt seiner ehemaligen Geliebten vor den Nüstern des Bräutigams verschwinden wird. Doch dann fällt ein langer Blick aus grün erglühten Augen, und sein Blut jauchzt auf, und er weiß alles wieder. Der Protagonist schleicht sich heimlich in das Zimmer seiner ehemaligen Geliebten, das er als Dämmerraum voller Erinnerungen an ihre gemeinsame Kindheit und Jugend beschreibt. Er erinnert sich an die Zeit, als sie Schumannliedern und Gedichten von Lenau und Musset lauschten und sich an Wiesenduft und hellen Vogelkehlen berauschten. Er erinnert sich an den Abend, als sie beim Verselesen verwirrt erkannten, dass Klänge, Worte, Düfte nur Symbol für ihre Lippen erstes Glück gewesen waren. Er sieht das Bett, bereit wie eine weiche Gruft, den schlanken Leibes letzten keuschen Duft, die letzten Mädchenträume zu umfangen. Dann kommt sie herein, so wie sie damals kam, und alles ist wie einst, so dass sie wieder sein Haupt in ihre beiden Hände nimmt und ihm leise küssend die geschlossenen Lider. Doch jetzt wird sie auf einmal so stumm und schwer, und ein düsteres "Nimmermehr" macht sie beben statt des süßen "Morgen". Sie steht vor ihm, halb Sphinx, halb Kind, mit rätselgrünen Augen, steilen Brauen und alabasterstarr Wangen. Als er zum letzten Mal seinen Mund an ihre kühlen Lippen drückt, hat sie ein Fremdes ihm, einen Hauch entführt, und diese Lippen sind nicht mehr sein eigen.

Schlüsselwörter

lippen weiß liebe letzten augen morgen polterabend lieber

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Stilmittel

Alliteration
der Liebe gibt und überdies — zu essen
Hyperbel
die Schumannliedern und Gedichten lauschten
Ironie
Da fällt ein Glas, dort platzt der erste Toast
Metapher
und ist ein Magier, der Herzen reich und hoffend macht
Personifikation
des Pommery betörend tolle Geister
Symbolik
des Mondes Licht in bleiche Stores verfangen
Vergleich
wie morgen deine schimmernde Gestalt vor dieses Bockes Nüstern sich enflort -?!