Poetentod
1890Der Herbstwind rauscht; der Dichter liegt im Sterben, Die Blätterschatten fallen an der Wand; An seinem Lager knie′n die zarten Erben, Des Weibes Stirn ruht heiß auf seiner Hand.
Mit dunklem Purpurwein, darin ertrunken Der letzten Sonne Strahl, netzt er den Mund; Dann wieder rückwärts auf den Pfühl gesunken, Tut er den letzten Willen also kund:
“Die ich aus luft′gen Klängen aufgerichtet, Vorbei ist dieses Hauses Herrlichkeit; Ich habe ausgelebt und ausgedichtet Mein Tagewerk und meine Erdenzeit.
Das keck und sicher seine Welt regierte, Es bricht mein Herz, mit ihm das Königshaus; Der Hungerschlucker, der die Tafel zierte: Der Ruhm, er flattert mit den Schwalben aus.
So löschet meines Herdes Weihrauchflamme Und zündet wieder schlechte Kohlen an, Wie′s Sitte war bei meiner Väter Stamme, Vor ich den Schritt auf dieses Rund getan!
Und was den Herd bescheid′nen Schmuckes kränzte, Was sich an alter Weisheit um ihn fand, In Weihgefäßen auf Gesimsen glänzte, Streut in den Wind, gebt in der Juden Hand!
Daß meines Sinnes unbekannter Erbe Mit find′ger Hand, vielleicht im Schülerkleid, Auf off′nem Markte ahnungsvoll erwerbe Die Heilkraft wider der Vernachtung Leid.
Werft jenen Wust verblichner Schrift in′s Feuer, Der Staub der Werkstatt mag zu Grunde geh′n! Im Reich der Kunst, wo Raum und Licht so teuer, Soll nicht der Schutt dem Werk im Wege steh′n!
Dann laßt des Gartens Zierde niedermähen, Weil unfruchtbar; die Lauben brechet ab! Zwei junge Rosenbäumchen lasset stehen Für mein und meiner lieben Frauen Grab!
Mein Lied mag auf des Volkes Wegen klingen, Wo seine Banner von den Türmen weh′n; Doch ungekannt mit mühsalschwerem Ringen Wird meine Sippschaft dran vorübergehn!”
Noch überläuft sein Angesicht, das reine, Mit einem Strahl das sinkende Gestirn; So glühte eben noch im Purpurscheine, Nun starret kalt und weiß des Berges Firn.
Und wie durch Alpendämmerung das Rauschen Von eines späten Adlers Schwingen webt, Ist in der Todesstille zu erlauschen, Wie eine Geisterschar von hinnen schwebt.
Sie ziehen aus, des Schweigenden Penaten, In faltige Gewande tief verhüllt; Sie geh′n, die an der Wiege einst beraten, Was als Geschick sein Leben hat erfüllt!
Voran, gesenkten Blicks, das Leid der Erde, Verschlungen mit der Freude Traumgestalt, Die Phantasie und endlich ihr Gefährte, Der Witz, mit leerem Becher, still und kalt.
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Interpretation
Das Gedicht "Poetentod" von Gottfried Keller beschreibt den Sterbeprozess eines Dichters, der von seiner Familie umgeben ist. Der Dichter liegt im Sterben, während seine Erben und seine Frau an seinem Bett weilen. Er trinkt noch einen letzten Schluck Wein und äußert dann seinen letzten Willen. In seinen letzten Worten reflektiert der Dichter über sein Leben und Werk. Er erkennt, dass seine Schaffenszeit vorbei ist und er seine Aufgabe erfüllt hat. Der Dichter beklagt den Verlust seines Ruhms und seiner Familie, die mit ihm untergehen wird. Er fordert auf, seine alten Werke zu verbrennen und den Garten zu zerstören, außer zwei Rosenbäumchen für sein und seiner Frau Grab. Der Dichter wünscht sich, dass sein unbekannter Erbe, vielleicht ein Schüler, seine Werke auf einem Markt erwirbt, um die Menschheit zu heilen. Er möchte, dass seine Lieder auf den Wegen des Volkes erklingen, aber seine Familie wird an ihnen vorübergehen, ohne sie zu erkennen. Das Gedicht endet mit dem Abschied der Geisterschar, die den Dichter begleitet hat, darunter die Phantasie und der Witz, die nun still und kalt zurückbleiben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Vorbei ist dieses Hauses Herrlichkeit.
- Hyperbel
- Der Ruhm 'flattert mit den Schwalben aus'.
- Metapher
- Die 'Phantasie' und der 'Witz' werden als Begleiter dargestellt.
- Personifikation
- Die 'Geisterschar' zieht aus.
- Symbolik
- Die 'zwei jungen Rosenbäumchen' symbolisieren das Grab des Dichters und seiner Frau.