Poeten müssen verliebt seyn
1914Sprecht mich nicht weiter an Um ein verliebtes Lied, Denn ich bin außgethan Wo Lust und Liebe blüht, Das Gras ist abgemeyht, Die Rosen sind vergangen, Der Winter führt das Leid Und hat sich angefangen.
Ich fühle keine Lust Die mich zum Versen treibt, Weil meine kalte Brust Unangefochten bleibt: Das harte Silber fleust Nur bey der grossen Hitze, Und der Poeten Geist Wird nur im Lieben nütze.
Wie kan ich itzt betrübt Und wieder frölich seyn, In dem mir nichts beliebt Von Anmuth oder Pein. Soll mein erfrornes Hertz Von Glut und Flammen singen, Und soll der kalte Schertz Die spröde Feder zwingen?
Ach nein die Aloe, Der Zucker und Zibeth, Macht weder wohl noch weh, Wann der Geschmack vergeht. Man muß die Eitelkeit Der Liebe noch ertragen, Will man von Freud und Leid Gereimte Reimen sagen.
Der ist fürwar nicht klug, Der ohn ein Seitenspiel, Durch einen Selbst-Betrug, Verschwiegen tantzen will: Und so wird mein Gedicht Ein schlechtes Vrtheil fühlen, Wo die Begierden nicht Die Sarabande spielen.
Geh zarte Poesie, Du bleibst mir unbewust, Geh meine süsse Müh, Itzt meine saure Lust, Ich schreibe was ich kan, Ihr aber meine Brüder, Sprecht mich nicht weiter an, Umb Schertz- und Liebes-Lieder.
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Interpretation
Das Gedicht "Poeten müssen verliebt seyn" von Christian Weise ist ein Werk, das die Beziehung zwischen Liebe und poetischem Schaffen thematisiert. Der Dichter drückt aus, dass er sich derzeit in einer emotionalen Kälte befindet, die ihn unfähig macht, Liebesgedichte zu verfassen. Die Metapher des Winters, der eingesetzt hat, symbolisiert diese emotionale Abkühlung und den Verlust der Inspiration. Weise beschreibt, wie die kreative Kraft eines Dichters nur durch Liebe und Leidenschaft entfacht werden kann. Die kalte Brust und das erfrorene Herz stehen für den Mangel an emotionaler Erregung, der notwendig ist, um poetische Werke zu schaffen. Der Dichter betont, dass ohne die "Glut und Flammen" der Liebe die Feder nicht in der Lage ist, zu tanzen oder zu singen, was die Unfähigkeit zur poetischen Schöpfung verdeutlicht. In den späteren Strophen reflektiert Weise über die Notwendigkeit der Liebe für die Poesie. Er vergleicht die Liebe mit der Aloe, dem Zucker und der Zibeth, die ohne Geschmack keinen Genuss bereiten können. Ohne die "Eitelkeit der Liebe" kann der Dichter keine Reime über Freude und Leid verfassen. Das Gedicht endet mit einer Abkehr von der Poesie, da der Dichter sich unfähig fühlt, Liebeslieder zu schreiben, und anderen Dichtern rät, ihn nicht weiter um solche Werke zu bitten.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Apostrophe
- Geh zarte Poesie, / Du bleibst mir unbewust
- Metapher
- Wo die Begierden nicht / Die Sarabande spielen
- Personifikation
- Der Winter führt das Leid