Poesie
1844Frägst du mich im Rätselspiele, Wer die zarte lichte Fei, Die sich drei Kleinoden gleiche Und ein Strahl doch selber sei? Ob ich′s rate? Ob ich fehle? Liebchen, pfiffig war ich nie, Doch in meiner tiefsten Seele Hallt es: Das ist Poesie!
Jener Strahl der, Licht und Flamme, Keiner Farbe zugetan, Und doch, über alles gleitend Tausend Farben zündet an, Jedes Recht und keines Eigen. - Die Kleinode nenn′ ich dir: Den Türkis, den Amethisten, Und der Perle edle Zier.
Poesie gleicht dem Türkise, Dessen frommes Auge bricht, Wenn verborgner Säure Brodem Nahte seinem reinen Licht; Dessen Ursprung keiner kündet, Der wie Himmelsgabe kam, Und des Himmels milde Bläue Sich zum milden Zeichen nahm.
Und sie gleicht dem Amethisten, Der sein veilchenblau Gewand Läßt zu schnödem Grau erblassen An des Ungetreuen Hand; Der, gemeinen Götzen frönend, Sinkt zu niedren Steines Art, Und nur einer Flamme dienend Seinen edlen Glanz bewahrt;
Gleicht der Perle auch, der zarten, Am Gesunden tauig klar, Aber saugend, was da Krankes In geheimsten Adern war; Sahst du niemals ihre Schimmer Grünlich, wie ein modernd Tuch? Eine Perle bleibt es immer, Aber die ein Siecher trug.
Und du lächelst meiner Lösung, Flüsterst wie ein Widerhall: Poesie gleicht dem Pokale Aus venedischem Kristall; Gift hinein - und schwirrend singt er Schwanenliedes Melodie, Dann in tausend Trümmer klirrend, Und hin ist die Poesie!
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Interpretation
Das Gedicht "Poesie" von Annette von Droste-Hülshoff thematisiert die Natur und die Eigenschaften der Poesie. Die Autorin verwendet das Rätselspiel, um die Frage zu beantworten, was Poesie ist. Sie vergleicht Poesie mit einem zarten, lichten Wesen, das sich drei Kleinoden gleicht und gleichzeitig ein Strahl ist. Die Antwort, die in ihrer tiefsten Seele widerhallt, lautet: "Das ist Poesie!" Im zweiten Teil des Gedichts beschreibt Droste-Hülshoff die drei Kleinode, die sie mit der Poesie vergleicht. Der Türkis steht für die Reinheit und Unschuld der Poesie, die durch äußere Einflüsse getrübt werden kann. Der Amethyst symbolisiert die Treue und Beständigkeit der Poesie, die nur in Gegenwart der wahren Liebe und Leidenschaft ihren Glanz bewahrt. Die Perle repräsentiert die Fähigkeit der Poesie, Schönheit aus dem Kranken und Verdorbenen zu schaffen. Im letzten Teil des Gedichts wird die Poesie mit einem Pokal aus venedischem Kristall verglichen. Wenn Gift hineingegossen wird, singt der Pokal ein schönes Schwanenlied, bevor er in tausend Trümmer zerbricht. Dies symbolisiert die vergängliche Natur der Poesie, die durch äußere Einflüsse zerstört werden kann. Die Autorin betont, dass die Poesie trotz ihrer Vergänglichkeit immer noch als Perle betrachtet werden kann, auch wenn sie von einem Kranken getragen wurde.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Poesie gleicht dem Pokale
- Personifikation
- Gift hinein - und schwirrend singt er Schwanenliedes Melodie
- Vergleich
- Gleicht der Perle auch, der zarten