Poesie des Lebens
1805An ***
“Wer möchte sich an Schattenbildern weiden, Die mit erborgtem Schein das Wesen überkleiden, Mit trügrischem Besitz die Hoffnung hintergehn? Entblößt muß ich die Wahrheit sehn. Soll gleich mit meinem Wahn mein ganzer Himmel schwinden, Soll gleich den freien Geist, den der erhabne Flug Ins grenzenlose Reich der Möglichkeiten trug, Die Gegenwart mit strengen Fesseln binden, Er lernt sich selber überwinden, Ihn wird das heilige Gebot Der Pflicht, das furchtbare der Not Nur desto unterwürfger finden. Wer schon der Wahrheit milde Herrschaft scheut, Wie trägt er die Notwendigkeit?” -
So rufst du aus und blickst, mein strenger Freund, Aus der Erfahrung sicherm Porte Verwerfend hin auf alles, was nur scheint. Erschreckt von deinem ernsten Worte Entflieht der Liebesgötter Schar, Der Musen Spiel verstummt, es ruhn der Horen Tänze, Still traurend nehmen ihre Kränze Die Schwestergöttinnen vom schön gelockten Haar, Apoll zerbricht die goldne Leier, Und Hermes seinen Wunderstab, Des Traumes rosenfarbner Schleier Fällt von des Lebens bleichem Antlitz ab, Die Welt scheint, was sie ist, ein Grab. Von seinen Augen nimmt die zauberische Binde Cytherens Sohn, die Liebe sieht, Sie sieht in ihrem Götterkinde Den Sterblichen, erschrickt und flieht, Der Schönheit Jugendbild veraltet, Auf deinen Lippen selbst erkaltet Der Liebe Kuß, und in der Freude Schwung Ergreift dich die Versteinerung.
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Interpretation
Das Gedicht "Poesie des Lebens" von Friedrich von Schiller ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit der Natur der Wahrheit und der menschlichen Erfahrung. Der Sprecher reflektiert über die Sehnsucht nach Wahrheit und die Notwendigkeit, sich von Illusionen zu befreien. Er stellt die Frage, ob es besser ist, in der trügerischen Welt der Schattenbilder zu verweilen oder sich der nackten Realität zu stellen. Die Wahrheit wird als etwas dargestellt, das sowohl befreiend als auch erschreckend sein kann, da sie den Einzelnen zwingt, sich selbst zu überwinden und sich den harten Realitäten des Lebens zu stellen. Der zweite Teil des Gedichts beschreibt die Reaktion der Welt auf die Suche nach Wahrheit. Die Liebe, die Musen und die Horen, Symbole für Schönheit, Kunst und Freude, fliehen angesichts der ernsten und strengen Betrachtung des Lebens. Die Welt verliert ihren Glanz und wird als ein Grab wahrgenommen, ein Ort des Todes und der Vergänglichkeit. Die Liebe selbst, dargestellt durch Cytherens Sohn, verliert ihre Magie und wird als sterblich erkannt. Die Jugend und Schönheit veralten, und selbst der Kuss der Liebe erkaltet. Die Freude wird durch Versteinerung ersetzt, was auf die Lähmung und den Verlust der Lebendigkeit hinweist, die eintreten können, wenn man sich der Wahrheit stellt. Insgesamt ist das Gedicht eine Meditation über die menschliche Suche nach Wahrheit und die damit verbundenen Herausforderungen. Es zeigt die Spannung zwischen der Sehnsucht nach Schönheit und Freude und der Notwendigkeit, sich den harten Realitäten des Lebens zu stellen. Schiller fordert den Leser auf, die Wahrheit zu suchen, auch wenn dies bedeutet, dass man die tröstlichen Illusionen des Lebens aufgeben muss. Das Gedicht endet mit einer düsteren Note, die die Schwierigkeit und den Schmerz der Wahrheitssuche betont, aber auch ihre Notwendigkeit für ein authentisches Leben unterstreicht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Den Sterblichen, erschrickt und flieht
- Hyperbel
- Den freien Geist, den der erhabne Flug Ins grenzenlose Reich der Möglichkeiten trug
- Metapher
- Die Versteinerung
- Personifikation
- Die Gegenwart mit strengen Fesseln binden