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Poesie des Lebens

Von

An ***

„Wer möchte sich an Schattenbildern weiden,
Die mit erborgtem Schein das Wesen überkleiden,
Mit trügrischem Besitz die Hoffnung hintergehn?
Entblößt muß ich die Wahrheit sehn.
Soll gleich mit meinem Wahn mein ganzer Himmel schwinden,
Soll gleich den freien Geist, den der erhabne Flug
Ins grenzenlose Reich der Möglichkeiten trug,
Die Gegenwart mit strengen Fesseln binden,
Er lernt sich selber überwinden,
Ihn wird das heilige Gebot
Der Pflicht, das furchtbare der Not
Nur desto unterwürfger finden.
Wer schon der Wahrheit milde Herrschaft scheut,
Wie trägt er die Notwendigkeit?“ –

So rufst du aus und blickst, mein strenger Freund,
Aus der Erfahrung sicherm Porte
Verwerfend hin auf alles, was nur scheint.
Erschreckt von deinem ernsten Worte
Entflieht der Liebesgötter Schar,
Der Musen Spiel verstummt, es ruhn der Horen Tänze,
Still traurend nehmen ihre Kränze
Die Schwestergöttinnen vom schön gelockten Haar,
Apoll zerbricht die goldne Leier,
Und Hermes seinen Wunderstab,
Des Traumes rosenfarbner Schleier
Fällt von des Lebens bleichem Antlitz ab,
Die Welt scheint, was sie ist, ein Grab.
Von seinen Augen nimmt die zauberische Binde
Cytherens Sohn, die Liebe sieht,
Sie sieht in ihrem Götterkinde
Den Sterblichen, erschrickt und flieht,
Der Schönheit Jugendbild veraltet,
Auf deinen Lippen selbst erkaltet
Der Liebe Kuß, und in der Freude Schwung
Ergreift dich die Versteinerung.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Poesie des Lebens von Friedrich Schiller

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Poesie des Lebens“ von Friedrich Schiller, das an einen „strengen Freund“ adressiert ist, ist eine Reflexion über die Natur der Wahrheit, die Vergänglichkeit und die Konsequenzen einer nüchternen Weltsicht. Es stellt die Frage, ob es besser ist, sich der Wahrheit zu stellen, selbst wenn diese schmerzhaft ist, oder sich in Illusionen und Träumen zu verlieren. Das Gedicht beginnt mit einer Ablehnung von Täuschung und Schein, wobei der Freund sich nach „Wahrheit“ sehnt. Diese Sehnsucht führt zu einer radikalen Sichtweise, in der der Glaube an Illusionen verworfen wird und das Leben in seiner nackten, ungeschmückten Form betrachtet wird.

Die zweite Hälfte des Gedichts beschreibt die verheerenden Auswirkungen dieser nüchternen Perspektive auf die Welt der Kunst, der Freude und der Liebe. Das Gedicht verwendet eine Reihe von Metaphern, um den Verlust der Schönheit und des Zaubers darzustellen: Die Liebesgötter fliehen, die Musen verstummen, die Tänze der Horen ruhen, Apoll zerbricht seine Leier und Hermes seinen Stab. Diese Bilder illustrieren, wie die Wahrheitsliebe des Freundes das Reich der Fantasie und des Ideals zerstört. Die Metapher des „Traumes rosenfarbnen Schleier[s]“, der vom „bleichen Antlitz“ des Lebens fällt, unterstreicht den Verlust der Illusionen, die das Leben einst bezaubernd machten.

Das Gedicht erreicht seinen Höhepunkt in der Darstellung der Liebe, die durch das Erkennen der Wahrheit ihr Kind, den Sterblichen, als Vergänglich und sterblich sieht und daraufhin flieht. Die Schönheit altert, der Kuss der Liebe erkaltet und die „Versteinerung“ ergreift den Freund. Dies deutet darauf hin, dass die Wahrheit, wenn sie unerbittlich angewendet wird, zu einem Zustand der emotionalen Erstarrung und Enttäuschung führen kann. Das Gedicht hinterfragt somit die extreme Haltung des Freundes und wirft die Frage auf, ob die kompromisslose Suche nach der Wahrheit nicht auch die Freude und das Glück zerstören kann.

Die zentrale Frage des Gedichts lautet: Kann man die Wahrheit akzeptieren, ohne die Illusionen zu verlieren, die dem Leben seinen Wert verleihen? Oder muss man sich zwischen der Wahrheit und der Schönheit entscheiden? Schiller scheut sich nicht, die negativen Folgen einer allzu strengen Weltsicht aufzuzeigen. Das Gedicht endet jedoch offen und lässt dem Leser die Entscheidung, ob die Suche nach der Wahrheit ein notwendiges Übel oder ein Weg zur Erleuchtung ist. Es hinterfragt die Balance zwischen Realität und Illusion und die Rolle, die die Kunst und die Liebe in unserem Leben spielen.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.