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Pietá

Von

So seh ich, Jesus, deine Füße wieder,
die damals eines Jünglings Füße waren,
da ich sie bang entkleidete und wusch;
wie standen sie verwirrt in meinen Haaren
und wie ein weißes Wild im Dornenbusch.

So seh ich deine niegeliebten Glieder
zum erstenmal in dieser Liebesnacht.
Wir legten uns noch nie zusammen nieder,
und nun wird nur bewundert und gewacht.

Doch, siehe, deine Hände sind zerrissen-:
Geliebter, nicht von mir, von meinen Bissen.
Dein Herz steht offen, und man kann hinein:
das hätte dürfen nur mein Eingang sein.

Nun bist du müde, und dein müder Mund
hat keine Lust zu meinem wehen Munde-.
O Jesus, Jesus, wann war unsre Stunde?
Wie gehn wir beide wunderlich zugrund.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Pietá von Rainer Maria Rilke

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Pietà“ von Rainer Maria Rilke ist eine ergreifende Meditation über Schmerz, Verlust und die tiefgründige Beziehung zwischen Maria und Jesus. Es ist eine eindringliche Darstellung der Pietà-Thematik, die die Mutter Jesu am Leichnam ihres Sohnes zeigt, hier jedoch aus der introspektiven Perspektive Marias. Rilke wählt eine sehr intime und persönliche Sprache, die die innere Zerrissenheit und den Schmerz der Mutter verdeutlicht.

Das Gedicht beginnt mit der Erinnerung an die Füße Jesu, die Maria einst berührte und wusch. Die anfängliche Vertrautheit und Fürsorge wird durch die Beschreibungen des jugendlichen Körpers und der „verwirrten“ Füße in ihren Haaren hervorgehoben. Diese Zeilen erinnern an eine frühere, liebevolle Verbindung, die durch den Tod abrupt beendet wurde. Die Metapher des „weißen Wilds im Dornenbusch“ verstärkt die Verletzlichkeit und Reinheit Jesu und deutet auf sein Schicksal hin, von dem er durch die Dornen gequält und gefangen war. Die Betonung der physischen Nähe in der Vergangenheit verstärkt das Gefühl des Verlustes.

Der zweite Teil des Gedichts wechselt von der Vergangenheit zur Gegenwart, zur „Liebesnacht“, in der Maria den toten Körper ihres Sohnes betrachtet. Der Kontrast zwischen der früheren Intimität und der jetzigen Distanz wird durch die Zeilen „Wir legten uns noch nie zusammen nieder, / und nun wird nur bewundert und gewacht“ unterstrichen. Es ist eine Nacht der Trauer und des Schmerzes, in der Maria die Verletzungen Jesu betrachtet. Die Beschreibung der „zerrissenen“ Hände, die nicht von Maria, sondern von „meinen Bissen“ (im Sinne der Wunden des Lebens) stammen, ist besonders ergreifend, da sie die Schuldgefühle der Mutter und das Ausmaß des Leids ihres Sohnes reflektiert.

In den letzten Zeilen erreicht die Trauer ihren Höhepunkt. Marias Verzweiflung über den Tod Jesu und die verpasste Gelegenheit der innigen Vereinigung werden deutlich. Die Öffnung des Herzens Jesu wird als ein Zugang beschrieben, der „nur mein Eingang sein“ hätte dürfen. Die Frage „O Jesus, Jesus, wann war unsre Stunde?“ und die Feststellung „Wie gehn wir beide wunderlich zugrund“ verdeutlichen Marias Gefühl des Verlustes und ihre Erkenntnis des gemeinsamen Schicksals von Mutter und Sohn. Das Gedicht endet mit einem Gefühl des Verlustes und der unbegreiflichen Natur des Leidens, das durch die Verbindung von Liebe und Schmerz entsteht.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.