Pietá

Rainer Maria Rilke

1875

So seh ich, Jesus, deine Füße wieder, die damals eines Jünglings Füße waren, da ich sie bang entkleidete und wusch; wie standen sie verwirrt in meinen Haaren und wie ein weißes Wild im Dornenbusch.

So seh ich deine niegeliebten Glieder zum erstenmal in dieser Liebesnacht. Wir legten uns noch nie zusammen nieder, und nun wird nur bewundert und gewacht.

Doch, siehe, deine Hände sind zerrissen-: Geliebter, nicht von mir, von meinen Bissen. Dein Herz steht offen, und man kann hinein: das hätte dürfen nur mein Eingang sein.

Nun bist du müde, und dein müder Mund hat keine Lust zu meinem wehen Munde-. O Jesus, Jesus, wann war unsre Stunde? Wie gehn wir beide wunderlich zugrund.

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Illustration zu Pietá

Interpretation

Das Gedicht "Pietá" von Rainer Maria Rilke beschreibt eine ungewöhnliche und verstörende Interpretation der Kreuzigungsszene. Die Sprecherin, die vermutlich Maria Magdalena darstellt, betrachtet Jesus als Geliebten und nicht nur als Erlöser. Sie erinnert sich an die Zeit vor der Kreuzigung, als sie seine Füße wusch und seine Glieder bewunderte. Die Intimität und Leidenschaft dieser Beziehung wird deutlich, aber auch die Distanz und Entfremdung, die durch die Kreuzigung entstanden ist. Die zweite Strophe offenbart die verstörende Natur der Beziehung zwischen Maria Magdalena und Jesus. Sie gesteht, dass sie seine Hände zerrissen hat, und dass sein Herz offen steht, was sie als ihren Eingang betrachtet. Diese gewalttätige und sexuelle Sprache unterstreicht die Intensität ihrer Liebe, aber auch die zerstörererische Natur ihrer Beziehung. Die Kreuzigung hat ihre Verbindung auf eine seltsame und tragische Weise verändert. Die letzte Strophe drückt die Trauer und Verwirrung der Sprecherin aus. Jesus ist müde und hat keine Lust mehr auf ihre Liebe. Sie fragt sich, wann ihre Stunde gekommen ist und wie sie beide auf so seltsame Weise zugrunde gehen. Das Gedicht endet mit einem Gefühl der Verzweiflung und des Verlustes, das die tiefe emotionale Wirkung der Kreuzigung auf die Beziehung zwischen Maria Magdalena und Jesus verdeutlicht.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
liebten Glieder
Enjambement
So seh ich, Jesus, deine Füße wieder, die damals eines Jünglings Füße waren, da ich sie bang entkleidete und wusch;
Metapher
deine Füße wieder, die damals eines Jünglings Füße waren
Personifikation
dein müder Mund hat keine Lust zu meinem wehen Munde
Rhetorische Frage
O Jesus, Jesus, wann war unsre Stunde?
Vergleich
wie ein weißes Wild im Dornenbusch