Phyllis an Damon
Lehre mich, o Damon, singen,
Singen, wie du trunken singst.
Laß auch mich dir Lieder bringen,
Wie du mir begeistert bringst.
Wie du mich willst ewig singen,
Möcht′ auch ich dich ewig singen.
Durch des Weines Feuerkräfte,
Nur durch sie singst du so schön.
Aber diese Göttersäfte
Darf ich schmachtend nur besehn.
Dir riet Venus Wein zu trinken,
Mir riet sie, ihn nicht zu trinken.
Was wird nun mein Lied beleben,
Kann es dieser Trank nicht sein? –
Wie? Du willst mir Küsse geben?
Küsse, feuriger, als Wein? –
Damon, ach! nach deinen Küssen
Werd′ ich wohl verstummen müssen.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Phyllis an Damon“ von Gotthold Ephraim Lessing ist eine charmante und leichtfüßige Auseinandersetzung mit der Inspirationsquelle des Dichters. Phyllis, die Sprecherin des Gedichts, bittet ihren Geliebten Damon, ihr das Geheimnis seines Gesangs zu offenbaren und sie in seine Kunst einzuführen.
Der erste Teil des Gedichts beleuchtet die zentrale Frage nach der Kreativität und ihrer Quelle. Phyllis beneidet Damon um seine Fähigkeit, so „trunken“ und „begeistert“ zu singen und möchte ihm nacheifern. Sie erkennt, dass der Wein eine entscheidende Rolle in Damons Schaffen spielt, da er die „Feuerkräfte“ besitzt, die seinen Gesang so ergreifend machen. Sie möchte, dass Damon ihr Lieder bringt, so wie er es ihr versprochen hat. Es wird ein gegenseitiges Verlangen zum Ausdruck gebracht, Damon soll ihr ewig Lieder singen, so wie sie ihm. Doch ihre eigene Situation ist anders, da Venus, die Göttin der Liebe, ihr verboten hat, Wein zu trinken. Diese Einschränkung wirft die Frage auf, wie sie jemals die nötige Inspiration finden soll.
Die zweite Hälfte des Gedichts führt eine unerwartete Wendung ein. Da ihr der Wein verwehrt wird, scheinen ihre kreativen Möglichkeiten begrenzt. Dann bietet Damon ihr eine alternative Quelle der Inspiration an: seine Küsse, die noch „feuriger, als Wein“ sind. Dieses Angebot deutet auf eine Verbindung zwischen Liebe und Kreativität hin, wobei die Leidenschaft der Liebe als Ersatz für die berauschende Wirkung des Weines dargestellt wird.
Die letzte Zeile „Damon, ach! nach deinen Küssen / Werd′ ich wohl verstummen müssen“ ist ironisch und humorvoll. Anstatt durch die Küsse inspiriert zu werden, erwartet Phyllis, dass sie durch sie zum Schweigen gebracht wird. Die Küsse, die so feurig sind wie Wein, werden sie also nicht zum Singen, sondern zum Aufhören bringen. Dies deutet auf eine Art von übermächtiger Leidenschaft hin, die die Sprache und die Kunst überwindet. Das Gedicht feiert die Unmittelbarkeit und Kraft der Liebe und deutet an, dass sie die Fähigkeit des Menschen zu singen oder sich auszudrücken übersteigen kann.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.