Philine

Johann Wolfgang von Goethe

1795

Singet nicht in Trauertönen Von der Einsamkeit der Nacht! Nein, sie ist, o holde Schönen, Zur Geselligkeit gemacht.

Wie das Weib dem Mann gegeben Als die schönste Hälfte war, Ist die Nacht das halbe Leben, Und die schönste Hälfte zwar.

Könnt ihr euch des Tages freuen, Der nur Freuden unterbricht? Er ist gut, sich zu zerstreuen; Zu was anderm taugt er nicht.

Aber wenn in nächt′ger Stunde Süßer Lampe Dämmrung fließt, Und vom Mund zum nahen Munde Scherz und Liebe sich ergießt;

Wenn der rasche lose Knabe, Der sonst wild und feurig eilt, Oft bei einer kleinen Gabe Unter leichten Spielen weilt;

Wenn die Nachtigall Verliebten Liebevoll ein Liedchen singt, Das Gefangnen und Betrübten Nur wie Ach und Wehe klingt:

Mit wie leichtem Herzensregen Horchet ihr der Glocke nicht, Die mit zwölf bedächt′gen Schlägen Ruh′ und Sicherheit verspricht!

Darum an dem langen Tage Merke dir es, liebe Brust: Jeder Tag hat seine Plage, Und die Nacht hat ihre Lust.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Philine

Interpretation

Das Gedicht "Philine" von Johann Wolfgang von Goethe preist die Nacht als die schönere und erfüllendere Hälfte des Lebens. Die Nacht wird als ein Ort der Geselligkeit und des Genusses dargestellt, der dem Menschen als Gegenpol zum oft eintönigen und belastenden Tag dient. Die poetische Sprache und die reiche Metaphorik betonen die Sinnlichkeit und die emotionale Tiefe der nächtlichen Stunden. Die Nacht wird als eine Zeit der Nähe und Intimität beschrieben, in der die "süße Lampe" ein sanftes Licht spendet und Scherz und Liebe von Mund zu Mund fließen. Die Nacht bietet Raum für unbeschwerte Spiele und kleine Gaben, die den "rasche[n] lose[n] Knaben" verweilen lassen. Die Nachtigall singt den Verliebten ein Lied, das zwar den Gefangenen und Betrübten wie ein "Ach und Weh" klingt, aber für die Genießenden ein Quell der Freude ist. Die zwölf Schläge der Glocke verkünden Ruhe und Sicherheit, was die Nacht als eine Zeit des Friedens und der Geborgenheit unterstreicht. Im Gegensatz dazu wird der Tag als eine Zeit der Plagen und Belastungen dargestellt. Das Gedicht endet mit der Aufforderung, sich die Freuden der Nacht zu bewahren, denn "jeder Tag hat seine Plage, und die Nacht hat ihre Lust."

Schlüsselwörter

nacht schönste hälfte liebe singet trauertönen einsamkeit holde

Wortwolke

Wortwolke zu Philine

Stilmittel

Alliteration
Mit wie leichtem Herzensregen
Hyperbel
Und die Nacht hat ihre Lust.
Kontrast
Jeder Tag hat seine Plage, Und die Nacht hat ihre Lust.
Metapher
Wie das Weib dem Mann gegeben Als die schönste Hälfte war, Ist die Nacht das halbe Leben, Und die schönste Hälfte zwar.
Personifikation
Und vom Mund zum nahen Munde Scherz und Liebe sich ergießt;