Phidile

Matthias Claudius

1756

Ich war erst sechzehn Sommer alt, Unschuldig und nichts weiter, Und kannte nichts als unsern Wald, Als Blumen, Gras und Kräuter.

Da kam ein fremder Jüngling her; Ich hatt ihn nicht verschrieben, Und wußte nicht wohin noch her; Der kam und sprach von Lieben.

Er hatte schönes langes Haar Um seinen Nacken wehen; Und einen Nacken, als das war, Hab ich noch nie gesehen.

Sein Auge, himmelblau und klar! Schien freundlich was zu flehen; So blau und freundlich, als das war, Hab ich noch keins gesehen.

Und sein Gesicht, wie Milch und Blut! Ich habs nie so gesehen; Auch, was er sagte, war sehr gut, Nur konnt ich nichts verstehen.

Er ging mir allenthalben nach, Und drückte mir die Hände Und sagte immer O und Ach, Und küßte sie behende.

Ich sah ihn einmal freundlich an Und fragte, was er meinte; Da fiel der junge schöne Mann Mir um den Hals und weinte.

Das hatte niemand noch getan; Doch wars mir nicht zuwider, Und meine beiden Augen sahn In meinen Busen nieder.

Ich sagt ihm nicht ein einzig Wort, Als ob ichs übel nähme, Kein einzigs, und - er flohe fort; Wenn er doch wieder käme!

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Illustration zu Phidile

Interpretation

Das Gedicht "Phidile" von Matthias Claudius beschreibt die erste Begegnung der Erzählerin mit der Liebe. Die Ich-Erzählerin ist zu Beginn des Gedichts sechzehn Jahre alt und unschuldig, kennt nur die Natur und hat noch keine Erfahrungen mit der Liebe gemacht. Ein fremder Jüngling kommt in ihr Leben und spricht sie auf die Liebe an. Die Erzählerin ist fasziniert von seinem Aussehen - seinem langen, schönen Haar, seinem blauen, freundlichen Auge und seinem rosig-weißen Gesicht. Sie versteht jedoch nicht, was er sagt. Der Jüngling folgt der Erzählerin überall hin, drückt ihr die Hände und küsst sie. Als die Erzählerin ihn einmal freundlich ansieht und fragt, was er meint, fällt er ihr um den Hals und weint. Die Erzählerin ist von dieser Zärtlichkeit überrascht, aber nicht abgeneigt. Sie schaut in ihren Busen hinab, ohne ein Wort zu sagen, und der Jüngling flieht davon. Die Erzählerin wünscht sich am Ende des Gedichts, dass er zurückkäme.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Und einen Nacken, als das war, Hab ich noch nie gesehen. Sein Auge, himmelblau und klar! Schien freundlich was zu flehen; So blau und freundlich, als das war, Hab ich noch keins gesehen.
Hyperbel
Ich war erst sechzehn Sommer alt, Unschuldig und nichts weiter, Und kannte nichts als unsern Wald, Als Blumen, Gras und Kräuter.
Kontrast
Ich sah ihn einmal freundlich an Und fragte, was er meinte; Da fiel der junge schöne Mann Mir um den Hals und weinte.
Metapher
Sein Auge, himmelblau und klar!
Vergleich
Und einen Nacken, als das war, Hab ich noch nie gesehen.