Petöfi dem Sonnengott
1801Wie Vögel, die kaum befiedert im Frühlicht flattern, Nächtlich aufrauschen im Nest, - schlummertrunken, - Wähnend im Schlaf sich zu heben gen Abend oder gen Morgen: So aus Träumen auffahrend, ungewohnt schwebender Fühlung, Nicht ihr vertrauend - sinket betäubt ihr zurück, Schüchterne Vögel, Gedanken - Nacht ists! - Beteuert der Mond euch und glitzernde Sterne, Die Flügel verschränkt, duckt ihr zusammen im Nest; Da schwellen Träume euch den Busen. Aus der umfangenden Eos Saffrangebinde Windeln sich los - so träumt ihr - die Morgenwinde und tragen Goldbewimpelt glorreich durchs leuchtende Blau Euer Gefieder Helikons Gipfel hinan Zur schwankenden Flut, die sein Bild malt dem Narziß, Und er liebt sich in ihr - nur des Liebenden Spiegel ist Liebe - Wie ihm - schönheitslusttrunken euerm Abglanz zu lauschen Auf sonniger Welle - sendet lieblich der heitere Gott, Euch umleuchtend, euer Antlitz zurück euch - Träumende Vögel, Gedanken! Und hymnenbeschwingt, durchrudert ihr rhythmusströmenden Lüfte, Dem tönenden Schwan nach, der frei von der Sorge Befleckung Siegender Feuer kraftvoll - das trübe Leben, das sterblich nur ist Über die alles schauende Zeit, Zum hochwolkigen Zeus Mit unsterblichem Liede hinauftönt, Oder in wolkensammelnder Gewitter Sturmbett, Über Donnergeprassel und wirbelnder Purpurglut Getragen euch bringt mit sausendem Fittig. Euch durchschauern nicht am nachtgedeckten Himmel Die hintreibenden Winde. Denn warm eingehüllt ganz In deiner Strahlen goldnem Schnee Wenden das Antlitz sie dir zu, Apollon, Der herablächelnd wieder sie anglühest, Phöbus Apollon! Und tönest - so wähnen sie träumend und lauschen - Zärtlichen Wiegengesang ihnen zu. Willst du die alles schauende Zeit nicht hinein haben, so laß sie hinaus. Und während Dunkel auf irrenden Pfaden Der Menschen Geschicke umkreist, Preisen den ahnungsvollen Tag sie In sonnedurchschimmerter Nacht, dir geheiligt, o Taggott. O wieder zu früh macht Geräusch ihr Phäanszwitschern! - Horche, Lichtspender! Eh′ noch dein siegendes Lied Mächtig dem Widerhall ruft, dem Jo, im Traum ihr gesungen, Süßer Zärtlichkeit voll, schlummerempfangen von dir.
Doch jetzt weckt Mondlicht sie, Das jenseit der Haine scheidend herabsinkt; Silbern leuchtet der Fluß durch Morgennebel, Die halb du zerteilest, Himmelwandelnder! Wie flockigte Herden hinab zur Flut sie treibend. Schon streift die frühe Schwalbe Mit schneidendem Flug die kreiselnden Wasser, - Durchkreuzt lustatmend deine Bahn. In heiterer Bläue fängt ihr nächtlich Gefieder Deiner Pfeile blitzenden Glanz auf, Und am weiten Himmelsbogen erspäht sie Allein nur deines Tempels Zinne, schützender Gott, Ihr Nest zu bauen.
So, Leuchtender! der die Himmelsfesten durchmißt, Ermesse an deines Tempels Gebälk Mir den Raum - klein, wie ein Vöglein bedarf - Wo ich schlafe, in Träumen dir nach mich schwingend, Wo dein frühester Strahl mich weckt Und wie die Schwalbe die Flügel ich netze im Quell Zwischen Reigen goldumschleierter Musen Silbern - dem Rossehuf entsprudelnd - hinab vom Gipfel, Der von allen stolzen Gebirgen zuerst am Morgen Den purpurhüllenden Mantel abwirft vom Nacken, Deinem feuerküssenden Strahl. Dann wie die Schwalbe durchkreuz ich deine Bahn Mit morgenfrischem Hauch, fort bis zum Abend In deinem Licht, milder Gott, mich freuend, Und beseligt, daß dein ich gehöre, Berg ich, beim Sternenlicht im Nest mich am Tempel, Wo du, Wissender! der Menschen sterbliche Sinne Unsterblich erleuchtest. Da schlaf süß ich - in Träumen schüchtern deiner Saiten Spiel rührend, Und mich freuet ihr Klang, wie denn selber du anschlägst das Erz. Gewaltiger! - geheimnisvoll emporblühende Göttersprache strömend. Dann in geträumten Zwielicht blitzet vergoldet der Hain Des heiligen Lorber, und am wankenden Zweig Bersten schwellende Knospen dem kommenden Tag.
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Interpretation
Das Gedicht "Petöfi dem Sonnengott" von Bettina von Arnim ist eine lyrische Hommage an den ungarischen Dichter Sándor Petöfi, der als "Sonnengott" verehrt wird. Die Interpretation des Gedichts lässt sich in drei Hauptaspekte gliedern: Erstens wird Petöfi als göttliche Inspiration für die Dichter dargestellt. Die Dichter werden mit Vögeln verglichen, die in ihrem Nest schlummern und von Träumen erfüllt sind. Diese Träume werden von der Morgenbrise und dem Sonnengott Apollon genährt, der den Dichtern Flügel verleiht und sie auf Helikons Gipfel trägt, dem Sitz der Musen. Die Dichter werden ermutigt, ihre Gedanken in Hymnen zu verwandeln und durch die Lüfte zu schweben, um ihre unsterblichen Lieder zu singen. Zweitens wird die enge Verbindung zwischen Petöfi und der Natur betont. Die Dichter werden als Teil der natürlichen Welt dargestellt, die vom Sonnengott Apollon durch die Jahreszeiten und den Tag-Nacht-Rhythmus geführt wird. Die Schwalbe, ein Symbol für Freiheit und Anmut, wird als Begleiterin der Dichter vorgestellt, die ihre Flügel im Quell badet und durch die Lüfte fliegt. Die Musen, die Göttinnen der Dichtkunst, werden als goldumschleierte Reigen dargestellt, die den Dichtern Inspiration und Schönheit verleihen. Drittens wird die Verehrung Petöfis als göttlicher Dichter und Lehrer zum Ausdruck gebracht. Der Dichter wird als "Wissender" bezeichnet, der die sterblichen Sinne der Menschen mit unsterblichem Licht erleuchtet. Die Dichter werden ermutigt, in ihren Träumen die Saiten der Dichtkunst zu berühren und den geheimnisvollen Klang der Göttersprache zu hören. Der heilige Lorbeerhain, ein Symbol für poetische Inspiration und Unsterblichkeit, wird als Ort der Verehrung und des Schutzes dargestellt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Gedanken - Nacht ists!
- Allusion
- Helikons Gipfel
- Anapher
- Und tönest - so wähnen sie träumend und lauschen
- Beschwörung
- Horche, Lichtspender!
- Bildsprache
- Goldbewimpelt glorreich durchs leuchtende Blau
- Enjambement
- Gedanken - Nacht ists! - Beteuert der Mond euch
- Epipher
- Wo dein frühester Strahl mich weckt
- Euphemismus
- deines Tempels Zinne
- Hyperbel
- Über die alles schauende Zeit
- Metapher
- Wie Vögel, die kaum befiedert im Frühlicht flattern
- Metonymie
- des Liebenden Spiegel ist Liebe
- Oxymoron
- sonnedurchschimmerter Nacht
- Personifikation
- Nächtlich aufrauschen im Nest
- Symbolik
- Apollon, Phöbus
- Synästhesie
- tönenden Lüfte
- Vergleich
- Wie ihnen - schönheitslusttrunken euerm Abglanz zu lauschen