Pegasus im Joche
1796Auf einen Pferdemarkt - vielleicht zu Haymarket Wo andre Dinge noch in Ware sich verwandeln, Bracht′ einst ein hungriger Poet Der Musen Ross, es zu verhandeln.
Hell wieherte der Hippogryph Und bäumte sich in prächtiger Parade; Erstaunt blieb Jeder stehn, und rief: Das edle, königliche Tier! Nur Schade, Dass seinen schlanken Wuchs ein hässlich Flügelpaar Entstellt! Den schönsten Postzug würd′ es zieren. Die Race, sagen sie, sei rar, Doch wer wird durch die Luft kutschieren? Und Keiner will sein Geld verlieren. Ein Pachter endlich fasste Mut Die Flügel zwar, spricht er, die schaffen keinen Nutzen; Doch die kann man ja binden oder stutzen, Dann ist das Pferd zum Ziehen immer gut. Ein zwanzig Pfund, die will ich wohl dran wagen; Der Täuscher, hoch vergnügt, die Ware loszuschlagen. Schlägt hurtig ein. “Ein Mann, ein Wort!” Und Hans trabt frisch mit seiner Beute fort.
Das edle Tier wird eingespannt; Doch fühlt es kaum die ungewohnte Bürde, So rennt es fort mit wilder Flugbegierde Und wirft, von edelm Grimm entbrannt, Den Karren um an eines Abgrunds Rand. Schon gut, denkt Hans. Allein darf ich dem tollen Tiere Kein Fuhrwerk mehr vertraun. Erfahrung macht schon klug, Doch morgen fahr′ ich Passagiere, Da stell′ ich es als Vorspann in den Zug. Die muntre Krabbe soll zwei Pferde mir ersparen; Der Koller gibt sich mit den Jahren.
Der Anfang ging ganz gut. Das leichtbeschwingte Pferd Belebt der Klepper Schritt, und pfeilschnell fliegt der Wagen. Doch was geschieht? Den blick den Wolken zugekehrt, Und ungewohnt, den Grund mit festem Huf zu schlagen, Verlässt es bald der Räder sichre Spur, Und, treu der stärkeren Natur, Durchrennt es Sumpf und Moor, geackert Feld und Hecken. Der gleich Taumel fasst das ganze Postgespann, Kein Rufen hilft, kein Zügel hält es an, Bis endlich, zu der Wandrer Schrecken, Der Wagen, wohl gerüttelt und zerschellt, Auf eines Berges steilem Gipfel hält.
Das geht nicht zu mit rechten Dingen! Spricht Hans mit sehr bedenklichem Gesicht. So wird es nimmermehr gelingen! Lass sehn, ob wir den Tollwurm nicht Durch magre Kost und Arbeit zwingen Die Probe wird gemacht. Bald ist das schöne Tier, Eh noch drei Tage hingeschwunden, Zum Schatten abgezehrt. Ich hab′s, ich hab′s gefunden! Ruft Hans. Jetzt frisch, und spannt es mir Gleich vor den Pflug mit meinem stärksten Stier!
Gesagt, getan. In lächerlichem Zuge Erblickt man Ochs und Flügelpferd am Pfluge. Unwillig steigt der Greif und strengt die letzte Macht Der Sehnen an, den alten Flug zu nehmen. Umsonst, der Nachbar schreitet mit Bedacht, Und Phöbus stolzes Ross muss sich dem Stier bequemen, Bis nun, vom langen Widerstand verzehrt, Die Kraft aus allen Gliedern schwindet, Von Gram gebeugt das edle Götterpferd Zu Boden stürzt, und sich im Staube windet.
Verwünschtes Tier! Bricht endlich Hansens Grimm Laut scheltend aus, indem die Hiebe flogen. So bist du denn zum Ackern selbst zu schlimm, Mich hat ein Schelm mit dir betrogen,
Indem er noch in seines Zornes Wut Die Peitsche schwingt, kommt flink und wohlgemut Ein lustiger Gesell die Straße hergezogen. Die Zither klingt in seiner leichten Hand, Und durch den blonden Schmuck der Haare, Schlingt zierlich sich ein goldnes Band. Wohin, Freund, mit dem wunderlichen Paare? Ruft er den Bau′r von weitem an. Der Vogel und der Ochs an einem Seile, Ich bitte dich, welch ein Gespann! Willst du auf eine kleine Weile Dein Pferd zur Probe mir vertraun? Gib Acht, du sollst dein Wunder schaun.
Der Hippogryph wird ausgespannt, Und lächelnd schwingt sich ihm der Jüngling auf den Rücken. Kaum fühlt das Tier des Meisters sichre Hand, So knirscht es in des Zügels Band, Und steigt, und Blitze sprühn aus den beseelten Blicken. Nicht mehr das vor′ge Wesen, königlich, Ein Geist, ein Gott, erhebt es sich, Entrollt mit einem Mal in Sturmes Wehen Der Schwingen Pracht, schießt brausend himmelan, Und eh der Blick ihm folgen kann, Entschwebt es zu den blauen Höhen.
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Interpretation
Das Gedicht "Pegasus im Joche" von Friedrich von Schiller ist eine allegorische Erzählung, die die Geschichte eines Dichters erzählt, der seinen Pegasus auf einem Pferdemarkt verkaufen muss. Der Pegasus, ein edles und königliches Tier, wird von den potenziellen Käufern wegen seiner Flügel belächelt und als nutzlos angesehen. Ein Pachter kauft ihn schließlich, um ihn als Zugtier einzusetzen. Die folgenden Abschnitte des Gedichts beschreiben die erfolglosen Versuche, den Pegasus in die Dienste der Menschen zu zwingen. Ob als Vorspann für eine Postkutsche oder als Pflugpferd neben einem Ochsen - der Pegasus bleibt stets seinem Wesen treu und entzieht sich den menschlichen Zwängen. Die Allegorie wird deutlich: Der Pegasus symbolisiert die Kunst und die Muse, die sich nicht in die Schranken der Nützlichkeit und des materiellen Gewinns pressen lassen. Am Ende des Gedichts erscheint ein junger Mann mit einer Zither, der den Pegasus erkennt und befreit. Er schwingt sich auf den Rücken des Tieres, und gemeinsam steigen sie in die Lüfte auf. Die Botschaft des Gedichts ist klar: Wahre Kunst und Kreativität können nur in Freiheit und Unabhängigkeit gedeihen. Der Pegasus im Joche ist ein Plädoyer für die Autonomie der Kunst und eine Kritik an der Kommerzialisierung und Vereinnahmung kreativer Leistungen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Allegorie
- Das gesamte Gedicht als Allegorie auf die Missachtung der Kunst und des Dichters in der bürgerlichen Gesellschaft.
- Anspielung
- Auf Pegasus, das geflügelte Pferd der griechischen Mythologie.
- Bildsprache
- Das edle Tier wird eingespannt
- Hyperbel
- Und wirft, von edelm Grimm entbrannt, Den Karren um an eines Abgrunds Rand.
- Ironie
- Ein Pachter endlich fasste Mut Die Flügel zwar, spricht er, die schaffen keinen Nutzen;
- Kontrast
- Der Vergleich zwischen dem edlen Hippogryph und dem gewöhnlichen Ochs.
- Metapher
- Der Hippogryph als Symbol für die hohe Kunst des Dichters, die nicht in die gewöhnliche Welt passt.
- Personifikation
- Hell wieherte der Hippogryph
- Symbolik
- Der Hippogryph als Symbol für die ungebändigte Natur der Kunst.
- Vergleich
- Den schönsten Postzug würd′ es zieren.