Paysage intime

Arno Holz

1929

Sternklar über seinem Filz Wölbte sich der Winterhimmel Und, die Dächer dick verschneit, Lag das schlummernde Berlin.

Leider war die Gaslaterne, Die ihr gelblich ins Gesicht schien, Nicht mehr hell genug dazu.

Erst als kichernd sie im Hausflur Sich mit seinen Schwefelhölzchen Ihren Wachsstock angezündet, Sah er, dass sein Schmetterling Schon zu unverschämt lädirt war.

Sich nach rückwärts concentriren? Nein, die Hausthür war schon zu! Pech! Pfui Deibel! Und verdriesslich, Kritisch jede Stufe prüfend, Tappte er ihr langsam nach.

Fern vom Hinterhaus her johlte Ein verspäteter Geburtstag, Und das Flakerlicht des Kerzchens, Das sich vor ihm aus dem Dunkeln, Wie ein Irrlicht abhob, streifte Ab und zu ein Porzellanschild

Baltrutsch, las er auf dem einen, Baltrutsch, Knopf-Arbeiter. - Endlich!

Gut, dass wenigstens ihr Zimmer, Dessen Thür erst frisch geölt schien, Eingermassen wohnlich war.

Feuerroth im Ofen glühte Grad das letzte Schäuflein Kohlen, Und ein sauberes Rouleau Schob sich schneeweiss vor das Fenster.

An die grüngestreifte Wand War ein Christusbild genagelt.

In das aufgedeckte Bett, Das davorstand, dämmerte Mattblau eine kleine Ampel, Und das obligate Sopha Stand ihm grade gegenüber.

Auch die Marmortoilette Fehlte selbstverständlich nicht.

Zwei bis drei zerbrochne Stühle Blätterten daneben cynisch Ihre Memoiren auf.

Freilich, wie diverse Lieder, Memoiren ohne Worte.

“Nun? Was schenkst du mir denn Schatz?” Und die vollen nackten Arme Frech um seinen Hals geringelt, Presste ihn die weisse Bestie Fest an ihre blossen Brüste.

Doch, da kürzlich erst der Erste Ihm das Portemonnaie gefüllt, Wurden sie bald handelseins.

Während er sich noch bemühte, Sich die Stiefel auszuziehn, Lachte auch sein Kaufobjekt, Nackt wie Eva, schon vom Bett her.

Fünf Minuten später noch, Und das indiscrete Lämpchen Flackert, leuchtet und verlischt.

Dunkelheit! Vom Ofenrost her, Leis hinzitternd über die Dielen, Nur ein magrer, rother Lichtstreif, Und ins faltige Rouleau Malt sich fernher von der Strasse Fahl das Licht der Gaslaternen.

Dunkelheit! Nur ab und zu Bricht ein heftig schweres Athmen Hastig durch die tiefe Stille, Und dazwischen rauscht′s und knittert′s Durch die Luft wie frisches Bettzeug.

Dunkelheit! Im Hause gingen Schon zum fünften Mal die Uhren, Und das Zimmer fing sich an Leise grau in grau zu malen.

“Bleib doch noch!” “Nein, lass, ich muss gehn!” Und aus ihrem Arm sich windend, Tappte er nach seinen Kleidern Und begann sich anzuziehn.

Ihren bleichen, runden Kopf Matt auf ihren Arm gestützt, Sah sie ihm mechanisch zu.

“Kommst du wieder?” Gottseidank! Jetzt nur noch den Rock und - “Kommst du wieder?” - jetzt: “Adieu!”

Unten, auf dem Hausflur, kam ihm Eine Zeitungsfrau entgegen.

Donnerwetter! Schon so spät? Und den Kragen seines Mantels Hoch bis unters Kinn geknöpft, Trat er fröstelnd vor die Thür.

Schmutzig lag vor ihm die Strasse, Schmutzig wie ein altes Schnupftuch, Und vom grauverhangnen Himmel Rieselte ein feiner Nebel.

“Brrr!” Und vor sich selbst aus Ekel Spie er mitten in die Gosse.

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Illustration zu Paysage intime

Interpretation

Das Gedicht "Paysage intime" von Arno Holz beschreibt eine nächtliche Begegnung in einem Berliner Mietshaus. Die düstere, winterliche Atmosphäre wird durch die verschneiten Dächer und den sternklaren Himmel etabliert. Die Handlung spielt sich in den dunklen, engen Räumen des Hauses ab, was die Intimität und Verborgenheit der Szene unterstreicht. Die Verwendung von Licht und Dunkelheit als symbolische Elemente verstärkt die Stimmung des Gedichts. Die Begegnung zwischen dem lyrischen Ich und der Prostituierten wird in einer nüchternen, fast dokumentarischen Sprache geschildert. Die Beschreibung des Zimmers mit seinen bescheidenen Möbeln und dem brennenden Ofen vermittelt einen Eindruck von Armut und Kargheit. Die körperliche Begegnung wird als rein transaktional dargestellt, was die emotionale Distanz und die Kommerzialisierung der Intimität betont. Das Gedicht endet mit der Rückkehr des Mannes in die kalte, schmutzige Straße, was die flüchtige und oberflächliche Natur der Begegnung unterstreicht. Die Ekelgefühle und die Kälte, die er beim Verlassen des Hauses empfindet, symbolisieren die Leere und Enttäuschung, die oft mit solchen Erfahrungen einhergehen. Holz nutzt diese Elemente, um eine Kritik an der Anonymität und Entfremdung des städtischen Lebens zu üben.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Paysage intime

Stilmittel

Alliteration
Kritisch jede Stufe prüfend
Anapher
Dunkelheit! Vom Ofenrost her, Leis hinzitternd über die Dielen, Nur ein magrer, rother Lichtstreif
Anspielung
Nackt wie Eva
Bildsprache
Und das Zimmer fing sich an Leise grau in grau zu malen
Binnenreim
Und aus ihrem Arm sich windend
Enjambement
Doch, da kürzlich erst der Erste Ihm das Portemonnaie gefüllt, Wurden sie bald handelseins.
Ironie
Zwei bis drei zerbrochne Stühle Blätterten daneben cynisch Ihre Memoiren auf.
Kontrast
Und das obligatorische Sopha Stand ihm grade gegenüber
Metapher
Schmutzig lag vor ihm die Strasse, Schmutzig wie ein altes Schnupftuch
Onomatopoesie
Und dazwischen rauscht's und knittert's Durch die Luft wie frisches Bettzeug
Personifikation
Sternklar über seinem Filz Wölbte sich der Winterhimmel
Symbolik
Und ein sauberes Rouleau Schob sich schneeweiss vor das Fenster
Synästhesie
Feuerroth im Ofen glühte
Vergleich
Und das Flakerlicht des Kerzchens, Das sich vor ihm aus dem Dunkeln, Wie ein Irrlicht abhob