Passion
1887Wenn Orpheus silbern die Laute rührt, Beklagend ein Totes im Abendgarten, Wer bist du Ruhendes unter hohen Bäumen? Es rauscht die Klage das herbstliche Rohr, Der blaue Teich, Hinsterbend unter grünenden Bäumen Und folgend dem Schatten der Schwester; Dunkle Liebe Eines wilden Geschlechts, Dem auf goldenen Rädern der Tag davonrauscht. Stille Nacht.
Unter finsteren Tannen Mischten zwei Wölfe ihr Blut In steinerner Umarmung; ein Goldnes Verlor sich die Wolke über dem Steg, Geduld und Schweigen der Kindheit. Wieder begegnet der zarte Leichnam Am Tritonsteich Schlummernd in seinem hyazinthenen Haar. Daß endlich zerbräche das kühle Haupt!
Denn immer folgt, ein blaues Wild, Ein Äugendes unter dämmernden Bäumen, Dieser dunkleren Pfaden Wachend und bewegt von nächtigem Wohllaut, Sanftem Wahnsinn; Oder es tönte dunkler Verzückung Voll das Saitenspiel Zu den kühlen Füßen der Büßerin in der steinernen Stadt.
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Interpretation
Das Gedicht "Passion" von Georg Trakl ist ein tief melancholisches und mystisches Werk, das Themen wie Tod, Liebe, Natur und Verlust aufgreift. Es beginnt mit einer Anspielung auf Orpheus, den mythologischen Sänger, der seine verstorbene Frau Eurydike beklagt. Die Bilder des Abendgartens, des herbstlichen Rohrs und des sterbenden blauen Teichs schaffen eine Atmosphäre des Verfalls und des Übergangs. Die Erwähnung der Schwester und der dunklen Liebe eines wilden Geschlechts deutet auf eine tiefe, möglicherweise unerfüllte oder verbotene Leidenschaft hin. Im zweiten Teil des Gedichts werden düstere und gewalttätige Bilder eingeführt, wie die beiden Wölfe, die ihr Blut unter finsteren Tannen mischen. Dies könnte als Symbol für eine zerstörerische oder selbstaufopfernde Liebe interpretiert werden. Die Erwähnung der Kindheit, des Tritonsteichs und des hyazinthenen Haares ruft eine nostalgische und traurige Stimmung hervor, die an verlorene Unschuld und vergangene Schönheit erinnert. Der letzte Abschnitt des Gedichts setzt die Themen der Dunkelheit, des Wahnsinns und der Buße fort. Das Bild des blauen Wildes, das unter dämmernden Bäumen wacht, könnte als Metapher für die unerbittliche Natur der Leidenschaft und des Verlangens dienen. Das Saitenspiel zu den Füßen der Büßerin in der steinernen Stadt könnte als Ausdruck von Schmerz, Reue und dem Wunsch nach Erlösung verstanden werden. Insgesamt ist "Passion" ein komplexes und vielschichtiges Gedicht, das die Tiefen menschlicher Emotionen und die Schönheit der Natur in einer dunklen und melancholischen Stimmung erkundet.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Stille Nacht
- Anspielung
- Orpheus
- Bildhaftigkeit
- Tritonsteich
- Bildlichkeit
- Unter finsteren Tannen
- Hyperbel
- Daß endlich zerbräche das kühle Haupt
- Kontrast
- Sanftem Wahnsinn
- Metapher
- Die blaue Teich
- Personifikation
- Wenn Orpheus silbern die Laute rührt
- Rhythmus
- Wachend und bewegt von nächtigem Wohllaut
- Symbolik
- Goldenes verlor sich die Wolke