Parteigeist

Kathinka Zitz-Halein

1801

In allen Dingen herrschen jetzt Parteien, Der Zwietracht blutgefärbtes Banner weht Und sucht selbst Brüderherzen zu entzweien, Wenn einer zu der neuen Richtung steht. Der Dunkelmänner stets geschäftig Treiben, Spricht allem Licht, spricht aller Freiheit Hohn. Ihr Wahlspruch heißt: Es soll beim Alten bleiben! Dem Neurer fluchet Rom’s Religion.

Ihr Thoren ihr, die ihr den Geist verkennet, Weil ihr verblendet am Buchstaben hängt, Ihr Thoren, die ihr jeden Ketzer nennet, Deß’ heller Geist nicht wie der eure denkt. Habt ihr es denn im blinden Wahn vergessen, Daß Christus hat mit Jud’ und Heid’ verkehrt? Sie waren ihm die Ebenbilder Dessen, Der sie erschuf - als Brüder ihm geehrt.

Und ihr, ihr wollet dummdreist jetzt verdammen, Was nicht wie ihr, in röm’sche Form sich fügt; Ihr droht mit Schwefelpfuhl und Höllenflammen, Malt einen finstern Schreckensgott - ihr lügt. Vergebens möchtet Geister ihr beschwören, Vergebens treibet ihr den Teufel aus, Das Volk läßt sich nicht mehr, wie einst, bethören, Die Leuchte der Vernunft löscht ihr nicht aus.

Die Zeit ist um, wo man an Wunder glaubte, Die Priesterlist der Dummheit vorgemacht; Die Zeit ist um, wo man sich selbst beraubte Und fromme Opferspenden dargebracht. Nicht wallt die Menschheit mehr in ganzen Scharen Um anzubeten ein veralt’ Gewand - Vor solcher Einfalt woll’ uns Gott bewahren, Der seinen Lichtstrahl uns herabgesandt.

Mögt ihr euch gleich der Flut entgegen stemmen, Die sich nicht mehr in Dämme bannen läßt, Der freie Geist läßt sich nicht fürder hemmen, Er feierte sein Auferstehungsfest. Er ist aus seiner Modergruft erstanden, In welcher Aberglaube fest ihn hielt, Er machte los sich aus des Irrwahns Banden, Und freie Forschung ward von ihm erzielt.

Er lehret laut von Kanzel und Katheder, Nach Christi Lehr’, daß Gott die Liebe ist! Nach eigner Weise bete zu ihm Jeder, Denn er hört Jeden, der sein nicht vergißt. Ob er sich Christ, ob er sich Heide nenne, Ob er ein Katholik, ob Protestant, Ob er zu Mahom’s Lehre sich bekenne, Ob er ein Jud’ - er steht in Gottes Hand.

Und sind wir von der Wahrheit ganz durchdrungen, Daß wir ein großes Volk von Brüdern sind, Und halten wir uns all’ in Lieb’ umschlungen, Dann stürzet ein des Irrthums Labyrinth. Dann werden wir an innerm Glück gewinnen, Es folget Friede nach der langen Pein - Dann wird das tausendjähr’ge Reich beginnen Und nur ein Hirt und eine Herde sein.

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Illustration zu Parteigeist

Interpretation

Das Gedicht "Parteigeist" von Kathinka Zitz-Halein ist eine leidenschaftliche Kritik an der Spaltung und Intoleranz, die durch fanatische Anhängerschaft an religiösen und politischen Parteien entsteht. Die Autorin verurteilt die "Dunkelmänner", die jeglichen Fortschritt und Wandel ablehnen und mit Hohn und Verfolgung auf Andersdenkende reagieren. Sie betont, dass Christus selbst mit Juden und Heiden verkehrte und sie als Brüder ehrte, und wirft den Fanatikern vor, einen "Schreckensgott" zu malen und mit Höllenstrafen zu drohen. Zitz-Halein verkündet den Anbruch einer neuen Zeit, in der die Menschen nicht mehr an Wunder glauben und sich nicht mehr von der Priesterlist betören lassen. Die "Leuchte der Vernunft" ist entzündet und lässt sich nicht mehr auslöschen. Der freie Geist ist aus seiner "Modergruft" auferstanden und hat die Ketten des Aberglaubens gesprengt. Er lehrt von Kanzel und Katheder, dass Gott die Liebe ist und jeder nach seiner eigenen Weise zu ihm beten soll, unabhängig von seiner religiösen Zugehörigkeit. Die Autorin ruft dazu auf, von der Wahrheit durchdrungen zu sein, dass alle Menschen Brüder sind und sich in Liebe umschlingen sollen. Nur so könne das Labyrinth des Irrtums gestürzt werden. Innere Glückseligkeit und Friede würden folgen, und das "tausendjährige Reich" würde anbrechen, in dem es nur einen Hirten und eine Herde gibt. Das Gedicht ist ein Plädoyer für Toleranz, Vernunft und die Einheit der Menschheit über alle Konfessionsgrenzen hinweg.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Denn er hört Jeden, der sein nicht vergißt
Anapher
Die Zeit ist um, wo man an Wunder glaubte, Die Zeit ist um, wo man sich selbst beraubte
Bildsprache
Ihr droht mit Schwefelpfuhl und Höllenflammen, Malt einen finstern Schreckensgott - ihr lügt.
Hyperbel
Und nur ein Hirt und eine Herde sein
Kontrast
Ob er sich Christ, ob er sich Heide nenne, Ob er ein Katholik, ob Protestant
Metapher
Er ist aus seiner Modergruft erstanden
Personifikation
Der freie Geist läßt sich nicht fürder hemmen, Er feierte sein Auferstehungsfest.
Symbolik
Die Leuchte der Vernunft löscht ihr nicht aus