Parkett

Kurt Tucholsky

1913

Das Stück hat Weltanschauung. Neben mir Ottilchen hat weit die grauen Augen aufgemacht: Der, nach dem Spiel, erhofft ein Kartenspielchen, der eine Nacht …

Der Diener meldet die Kommerzienräte, die Gnädige empfängt, ein Sektglas klirrt. Ich streichle ihre Hand, die sonst die Hüte nähte … Ob das was wird?

Da oben gibt es Liebe und Entsetzen, doch so gemäßigt, wie sichs eben schickt. »Ottilie«, flüstre ich, »vermagst du mich zu schätzen?!« Sieh da: sie nickt.

Nun läßt mich alles kalt: die ganze Tragik ist jetzt für mich verhältnismäßig gleich. Und nimmt Madameken ihr Gift, dann sag ick: »Ich bin so reich … «

Was kümmern mich die blöden Bühnenränke! Nu sieh mal, wie sie um die Leiche stehn! Genug – … »Ottilie«, spreche ich, »ich denke – wir wollen gehn … «

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Illustration zu Parkett

Interpretation

Das Gedicht "Parkett" von Kurt Tucholsky beschreibt eine Theateraufführung, bei der der Erzähler als Zuschauer sitzt und die Welt des Theaters mit der des Lebens kontrastiert. Die Atmosphäre ist geprägt von einer gewissen Distanz und Ironie, die Tucholsky in seiner typischen Art zum Ausdruck bringt. Der erste Teil des Gedichts schildert die Szene vor der Aufführung, bei der der Erzähler neben Ottilchen sitzt, deren weit aufgerissene Augen die Erwartungshaltung auf das bevorstehende Stück widerspiegeln. Die Erwähnung eines Kartenspiels und einer Nacht deutet auf eine Welt des Vergnügens und der Unterhaltung hin, die sich vom eigentlichen Theatergeschehen abhebt. Im zweiten Teil wechselt die Perspektive zu den Hinterbühnenereignissen, wo Kommerzienräte empfangen werden und ein Glas Sekt klirrt. Der Erzähler streichelt die Hand einer Frau, die sonst Hüte näht, und fragt sich, ob das alles einen Sinn hat. Die Erwähnung von Liebe und Entsetzen im dritten Teil zeigt die Bandbreite der menschlichen Emotionen, die auf der Bühne dargestellt werden. Im vierten Teil verliert der Erzähler das Interesse an der Tragödie auf der Bühne und betrachtet alles als gleichgültig. Die Erwähnung von Madameken und ihrem Gift deutet auf eine gewisse Verachtung für das Theater und seine Inszenierungen hin. Der Erzähler fühlt sich reich und kümmert sich nicht mehr um die "blöden Bühnenränke". Im letzten Teil des Gedichts spricht der Erzähler Ottilie an und schlägt vor, das Theater zu verlassen. Die Ironie und Distanz, die Tucholsky durchgängig aufrechterhält, verdeutlichen die Kritik an der Theaterwelt und ihren Inszenierungen. Das Gedicht endet mit einem Gefühl der Entfremdung und des Desinteresses, das den Leser zum Nachdenken über die Bedeutung von Kunst und Unterhaltung anregt.

Schlüsselwörter

ottilie sieh stück weltanschauung ottilchen weit grauen augen

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Sektglas klirrt
Bildsprache
Um die Leiche stehn
Kontrast
Liebe und Entsetzen
Metapher
Die ganze Tragik ist jetzt für mich verhältnismäßig gleich
Personifikation
Das Stück hat Weltanschauung
Rhetorische Frage
Ottilie, vermagst du mich zu schätzen?!
Symbolik
Die grauen Augen