Pargoletta

Rudolf Borchardt

unknown

Das Haus ist zwischen tiefen Hecken auf einen wilden Stein gebaut, die steilen Lilien verstecken es Nacht und Tag vor jedem Laut -

Das Land, durch dessen stumme Pforten der Fremde geht mit bangem Sinn, bequemt sich tief geheimen Worten: Ein Kind ist dort die Königin.

Sie geht durch Tau und grüne Wiesen im Winde, der sie laut umstreicht, von dunklem Stahle voll Türkisen die alte Krone trägt sie leicht!

Sie scheint im Lauschen vorgebogen zu Sprüchen, die im Boden ruhn, der Mund, geheimnisvoll gezogen, schweigt Liebliches, wie Blumen tun.

So schön hat sie der Bann bezwungen, der sich um ihre Hände flicht: Ein Lied ist über ihr gesungen, sie sucht sich, und sie kennt sich nicht.

In einem tiefen Schlafe geht sie durch einen zugewachsenen Hag, wie die vergessene Kerze weht sie loh ohne Licht an mitten Tag.

Du brauchst die Spur nicht erst zu finden darauf sie so versunken glitt: Vorauf gesandte Tauben binden schon deinen Schritt an ihren Schritt,

Ziehn dich hinein in die Legende, dich und den vorgeschriebenen Stein, - es schließen deine beiden Hände die Geisterglut des Lebens ein -

o nicht umsonst die rechten Worte vertraute dir der Mund im Traum, der Zeigefinger vor dem Horte - sie wird sich, und sie weiß es kaum,

in einem tiefen Blick erkennen, wenn der Rubin den Bann zerreißt, und deinen Namen wird sie nennen, wenn du das eine Wort noch weißt.

Dann springen die verbotenen Türen: Die Wiederkunft wird offenbar, aus Grüften wird der Engel führen den Stier, den Löwen und den Aar,

ein Winterstern auf Erden walten, - aus Duft und Stille aufgenährt, mit deiner Glut und ihrer schalten die Flamme, hausend auf dem Herd.

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Illustration zu Pargoletta

Interpretation

Das Gedicht "Pargoletta" von Rudolf Borchardt beschreibt ein geheimnisvolles, fast märchenhaftes Haus, das zwischen tiefen Hecken auf einem wilden Stein erbaut ist. Dieses Haus, umgeben von Stille und versteckt vor jedem Laut, scheint ein Ort der Abgeschiedenheit und des Geheimnisses zu sein. Das Land, durch dessen stumme Pforten der Fremde mit bangem Sinn geht, birgt ein tiefes Geheimnis: Ein Kind ist dort die Königin. Diese kindliche Königin, umgeben von einem Bann, geht durch Tau und grüne Wiesen, trägt eine alte Krone aus dunklem Stahle voll Türkisen und scheint in tiefer Versunkenheit zu leben, ohne sich selbst zu erkennen. Die Königin, gefangen in einem Bann, der sich um ihre Hände flicht, gleicht einer vergessenen Kerze, die ohne Licht im tiefen Schlafe durch einen zugewachsenen Hag geht. Sie ist schön, aber gefangen in ihrer eigenen Unkenntnis, sucht sich selbst, kennt sich aber nicht. Das Gedicht deutet an, dass es einen Weg gibt, sie zu befreien, einen Weg, der durch vertraute Worte und Zeichen im Traum gewiesen wird. Die rechten Worte, der Zeigefinger vor dem Hort, all dies sind Hinweise darauf, dass die Königin sich selbst erkennen wird, wenn der Rubin den Bann zerreißt und das eine Wort noch bekannt ist. Die Befreiung der Königin wird als eine Art Wiederkunft dargestellt, bei der verbotene Türen springen und ein Engel aus den Grüften den Stier, den Löwen und den Aar führt. Ein Winterstern walten auf Erden, genährt aus Duft und Stille, mit der Glut des Besuchers und der Kraft der Königin. Die Flamme, hausend auf dem Herd, symbolisiert das entfachte Leben und die Erkenntnis, die nun möglich ist. Das Gedicht endet mit der Hoffnung auf eine tiefe Verbindung und Erkenntnis, die durch das Erkennen des eigenen Namens und das Wissen um das eine Wort erreicht wird.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Mit deiner Glut und ihrer schalten die Flamme, hausend auf dem Herd
Personifikation
Die steilen Lilien verstecken es Nacht und Tag vor jedem Laut