Papst Julius

Conrad Ferdinand Meyer

1892

Halb vom Hades schon bezwungen, Von Lemuren schon umschwebt, Hat er doch sich losgerungen - Sieh, er atmet! Sieh, er lebt! Hinter seinen greisen Brauen Flammts! Jetzt langt er nach dem Bart, Zürnt und schilt den Tod mit rauhen, Ungestümen Worten hart:

“Weg mir aus dem Angesichte, Larven, die mir bleich gedroht! Charon, aus dem Sonnenlichte Weg ins Schilf mit deinem Boot! Keine Macht ist dir gegeben, Bis ich selbst dich rufen mag! Heute hab ich noch zu leben Einen vollgedrängten Tag!

Arzt, statt deiner faden Tropfen Gib mir des Falerners Glut! Lasse meine Pulse klopfen, Wirf mir Feuer in das Blut! Auf die Türen! Weg die Kissen! Meine Feldherrn, tretet ein! Meine Meister, lasst sie wissen, Dass sie dreifach emsig sein!

Regst, Bramante, die geschickten Hände du? Vollende doch! Diese Augen, sie erblickten Gerne deine Kuppel noch! Michelangelo, willkommen! Warum schaust du wieder scheel? Dort erblick ich meinen frommen, Meinen süssen Raphael!

Als den Hirten nicht des Lammes Bildet mich als Mosen ab, Der den Dränger seines Stammes Niederschlug mit wuchtgem Stab - Wo die Wasserstürze tosen In die Brunnenschale jach, Setzet, Meister, mich als Mosen, Der die Felsenwand zerbrach!

Moses bin ich in dem Blitze Sinais, in Rauch und Dampf: Meine donnernden Geschütze Enden flammend jeden Kampf! Mit den neugegossnen Stücken Bring ich Burg und Stadt zu Fall, Schmettre Breschen, breche Lücken In den stärksten Mauerwall!

Falkner, sprich, was macht mein Sperber, Der die Klaue sich zerstiess? Marschalk, sag wie lebt mein Berber, Den zu scharf ich jagen liess? Tummelt, Diener, zum Ergötzen Mir im Hof ein feurig Tier! Lasst es springen, lasst es setzen Vor den alten Augen mir!

Helmt mir die gefurchte Stirne! Harnischt mir die welke Hand! Der Italien macht zur Dirne, Jagt den Fremdling aus dem Land! Reicht ein Schwert! Ich will es retten! Ruft, Drommmeten, ruft zur Schlacht! In der Faust zerrissne Ketten, Schreit ich durch des Hades Nacht!”

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Illustration zu Papst Julius

Interpretation

Das Gedicht "Papst Julius" von Conrad Ferdinand Meyer schildert den kämpferischen und unbeugsamen Charakter des Papstes Julius II., der sich trotz nahenden Todes nicht geschlagen gibt. Der Papst wird als eine mächtige, energische Persönlichkeit dargestellt, die sich gegen den Tod auflehnt und noch viel vorhat. Er fordert Ärzte und Künstler gleichermaßen auf, ihm zu Diensten zu sein und seine Visionen zu verwirklichen. Das Gedicht betont die kriegerische Natur des Papstes, der sich selbst mit dem biblischen Moses vergleicht und seine militärische Stärke sowie seinen Willen, Italien von fremden Eindringlingen zu befreien, hervorhebt. Julius II. wird als ein Anführer dargestellt, der bereit ist, mit allen Mitteln für seine Ziele zu kämpfen, sei es durch Kunst und Architektur oder durch militärische Gewalt. Die abschließenden Verse verdeutlichen den unerschütterlichen Willen des Papstes, selbst im Angesicht des Todes. Er fordert seine Rüstung und sein Schwert, um weiterzukämpfen und seine Mission zu erfüllen. Das Gedicht endet mit einem kraftvollen Bild des Papstes, der durch die Nacht des Hades schreit, was seine unbezwingbare Natur und seinen unsterblichen Geist symbolisiert.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Setzet, Meister, mich als Mosen
Anspielung
Als den Hirten nicht des Lammes Bildet mich als Mosen ab
Apostrophe
Michelangelo, willkommen!
Befehlston
Tummelt, Diener, zum Ergötzen Mir im Hof ein feurig Tier!
Bildsprache
Meine donnernden Geschütze Enden flammend jeden Kampf
Direkte Rede
Falkner, sprich, was macht mein Sperber, Der die Klaue sich zerstiess?
Hyperbel
Heute hab ich noch zu leben Einen vollgedrängten Tag!
Imperativ
Reicht ein Schwert! Ich will es retten! Ruft, Drommmeten, ruft zur Schlacht!
Metapher
In der Faust zerrissne Ketten, Schreit ich durch des Hades Nacht!
Personifikation
Hinter seinen greisen Brauen Flammts!
Rhetorische Frage
Marschalk, sag wie lebt mein Berber, Den zu scharf ich jagen liess?
Symbolik
Gib mir des Falerners Glut!