Pantheon

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1804

Sei mir gegrüßt, ehrwürdiges Haus des alten Olympus, Götter und Menschen, umsonst such′ ich sie wieder, du bliebst! Aber warum? Man hat dich mit Eselsohren geheiligt, Und nach dem Sprichwort hast selbst du mit den Wölfen geheult.

Welch erschrecklich Gesicht, es hat der Tiber die Wasser Ueber die Ufer geschwellt, weit in die Stadt sie geführt. Und der zürnende Strom ist bis zum Corso gedrungen, An der Rotunda hinauf spielet die wachsende Fluth. Einst, so liest man in heiliger Schrift, hat die strafende Sündfluth Auch die große Natur rein von Bewohnern gefegt.

Auf, ans Pantheon hin, untrügliche Forscher der Vorzeit, Und das mächtige Rund seht ihr von Wasser gefüllt. Ja, ihr habt Recht, ihr setzet ja Erd′ und Himmel in Wasser, Und das Pantheon selbst habt ihr zum Badhaus gemacht.

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Illustration zu Pantheon

Interpretation

Das Gedicht "Pantheon" von Wilhelm Friedrich Waiblinger thematisiert die Verehrung und den Niedergang des antiken Gebäudes in Rom. Es beginnt mit einer Anrede an das Pantheon, das als einziges Relikt der alten Götterwelt erhalten geblieben ist. Doch die Ironie liegt darin, dass es nun mit "Eselsohren" geheiligt wird, was auf eine Verfälschung oder Verhöhnung seiner ursprünglichen Bedeutung hindeutet. Der Sprecher kritisiert, dass das Pantheon nun mit den "Wölfen heult", was auf eine Anpassung an die neue Zeit und den Verlust seiner ursprünglichen Würde schließen lässt. Im zweiten Teil des Gedichts wird die Zerstörungskraft der Natur durch eine Flut am Tiber beschrieben. Der Fluss tritt über die Ufer und dringt bis ins Pantheon vor, was als Zeichen der Vergänglichkeit und des Verfalls der antiken Kultur interpretiert werden kann. Der Verweis auf die biblische Sintflut unterstreicht die Idee, dass auch die antike Welt einem göttlichen oder natürlichen Urteil unterliegt. Im dritten Teil wendet sich der Sprecher an die Forscher der Vorzeit, die das Pantheon als Zeugnis der Antike betrachten. Doch er kritisiert ihre Interpretation, indem er sie als "untrügliche Forscher" bezeichnet, die die Welt in Wasser setzen und das Pantheon zum "Badhaus" machen. Dies deutet darauf hin, dass die moderne Wissenschaft oder Archäologie die antike Kultur verfälscht oder banalisiert, indem sie sie in ein neues, oft unpassendes Licht rückt. Das Gedicht endet mit einer sarkastischen Kritik an der Art, wie die Vergangenheit heute betrachtet und interpretiert wird.

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Stilmittel

Allusion
Einst, so liest man in heiliger Schrift, hat die strafende Sündfluth auch die große Natur rein von Bewohnern gefegt
Hyperbel
Welch erschrecklich Gesicht, es hat der Tiber die Wasser über die Ufer geschwellt
Ironie
Man hat dich mit Eselsohren geheiligt
Metapher
Pantheon selbst habt ihr zum Badhaus gemacht
Personifikation
Götter und Menschen, umsonst such′ ich sie wieder, du bliebst!