Panard und Galet

Gottfried Keller

1851

1 Sie kamen von der Tränke, Sie wankten aus der Schenke Mit einer Zecherschar, Als es Karfreitag morgen Und grabesstille war.

Von heissen Stirnen nicken Und stäuben die Perücken Wie Wolke birgt den Blitz; Die spitze Kling′ am Degen Zuckt wie geschliffner Witz.

Sie taumelten und sangen, Vom Mund wie Stöpsel sprangen Die Verse, Schlag auf Schlag; Da schrie Panard: »O fühlet Den furchtbar grossen Tag!

Das Universum trauert, Die dunkle Sonne schauert, Die Erde wankt und bebt, Dass unter unsern Füssen Der hohle Boden schwebt!

Unsicher ist′s, zu stehen, Und ratsam nicht, zu gehen! Kehrt um zu unsrem Wirt!« – Und alsbald kroch die Herde Zurück zu ihrem Hirt.

Dort blieben sie verborgen Bis an den dritten Morgen Tief und geheimnisvoll, Bis in der goldnen Frühe Die Osterglocke scholl.

Als die verjüngte Sonne In Auferstehungswonne Durchschritt des Frühlings Tor, Da stiegen aus der Höhle Weinselig sie hervor.

2 Auf seinem Bette liegt Galet, Weglachend seines Todes Weh.

Er schickt Panard den Morgengruss, Sechs neue Lieder zum Genuss.

»Erst wollt′ ich reimen, liebes Kind! So viele, als Apostel sind.

Doch hab′ ich′s nur auf sechs gebracht, Weil schon der Totengräber wacht.

Der Totengräber an der Tür Mit seinem Spaten lauscht herfür.

Der hackt mich mit den andern sechs Bald unter grünes Grasgewächs.

Leb wohl, mich dünkt, nun muss es sein, Der beste Reim ist Rhein und Wein!«

3 Es klagt Panard: »Habt ihr gesehn Die Stätte, wo er ruht? So könnt ihr meinen Schmerz verstehn Und meines Herzens Wut!

Der keiner Quelle, noch so rein, Beim grössten Durst genaht, Ihn, dem kein schnödes Wässerlein Die Lippe je betrat,

Ihn haben sie nun hingelegt, Wo graus vom Turm herab Die Traufe ihm zu Häupten schlägt Und plätschert auf dem Grab!

Ich selbst bin nun ein Wasserfass Dran keine Daube schliesst, Da stets ein unglückselig Nass Mir aus den Augen schiesst.

Es regnet meiner Tränen Fluss Wie toll zu jeder Stund′, Dass mit der Hand ich decken muss Das Glas an meinem Mund!

Die süsse Traube sank zur Ruh Vom Stocke, der ich bin; O Winzer Tod, nun schneide du Mich selber bald dahin!«

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Illustration zu Panard und Galet

Interpretation

Das Gedicht "Panard und Galet" von Gottfried Keller handelt von zwei Freunden, Panard und Galet, die sich durch ihre Liebe zum Wein und zur Poesie verbunden fühlen. Die Erzählung beginnt am Karfreitag, als die beiden betrunken von einer Tränke zurückkehren und die Bedeutung des Tages erkennen. Sie kehren in die Schenke zurück und bleiben dort bis zum Ostersonntag verborgen. Nach Galets Tod schickt er Panard sechs neue Lieder als Morgengruß, bevor er selbst begraben wird. Panard trauert um seinen Freund und beklagt sich über den Regen, der auf Galets Grab fällt und seine eigenen Tränen symbolisiert. Das Gedicht endet mit Panards Sehnsucht nach dem Tod, um sich mit Galet zu vereinen.

Schlüsselwörter

panard sechs morgen mund schlag sonne totengräber bald

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Sie kamen von der Tränke, Sie wankten aus der Schenke
Bildlichkeit
Die spitze Kling' am Degen / Zuckt wie geschliffner Witz
Hyperbel
Das Universum trauert, Die dunkle Sonne schauert
Ironie
Der beste Reim ist Rhein und Wein!
Metapher
Weinselig sie hervor
Personifikation
Die Osterglocke scholl
Reimschema
AABB
Symbolik
Die Osterglocke scholl
Wortspiel
Der beste Reim ist Rhein und Wein!
Übertreibung
Ich selbst bin nun ein Wasserfass