Pätus und Arria

Johann Heinrich Merck

1909

Zu einer Stadt, wo alles frei wird aus- und eingeführet; und wo, wenn′s den Transit bezahlt, auch wohl Genie passieret,

Da kam auch einst ein junger Mann auf die berühmte Messen, der hatt an Kunst und an Gefühl den Gecken sich gefressen;

Und hat der Jugend goldne Zeit mit Schnitzlen sich verdorben, schnitt “Arria und Pätus” aus, just wie die Narrn gestorben.

Als wär es nicht schon schlimm genug daß man so was muß lesen, wie in dem blinden Heidentum der Mensch verderbt gewesen.

Ist′s nötig daß der Jugend wird solch Beispiel eingepräget, von Leuten die durch Satans List selbst Hand an sich geleget!

Hätt er davor beim Hofrat Böhm Jus Publicum gehöret und was vom Mist und vom Damast Herr Schröder gründlich lehret.

So könnte man ihn irgendwo in ein Kolleg′um setzen, und er braucht nicht durch seine Kunst die Sitten zu verletzen!

Und nun stellt er vor Weigands Tür das Bild gar aus zum Schauen! und alles läuft hin, jung und alt, die Männer und die Frauen.

So schlimm der Gegenstand auch war, so muß man doch gestehen, viel Kunst und noch viel mehr Natur war an dem Bild zu sehen.

Und denn, so ist die Jugend schwach, setzt sich gleich an die Stelle und überleget nicht genau den Unterschied der Fälle.

So ging′s auch hier, sie weinten laut, vergaßen Sehn und Hören, und fieln einander um den Hals, als ob sie′s selber wären.

Und als sie rief: “Es tut nicht weh”; und er den Dolch nun zückte, da ging der Dolch durch jedes Herz, des Auge dahin blickte.

Doch Leute die bei Jahren warn und die in Ämtern stunden, die hatten bald das Ridikül von dieser Tat empfunden.

Und strichen sich das Unterkinn und schwurn bei ihrer Ehre, man mache zu viel Lärm, daß nun ein Narre wen′ger wäre.

Auch manchem steif honetten Mann, den Gott und seine Gaben, vor einer Sünde dieser Art vorlängst bewahret haben;

Wünscht sich und seinem Weibe Glück daß er in seinem Leben durch kein gefährlich Ding wie dies ein Ärgernis gegeben.

Das alles half dem Lärm nicht ab, der mehrte sich indessen, die Jungens und die Mädchen warn gar auf das Ding versessen;

Und man befürchtete mit Recht, das Herz möcht ihnen brechen, und wenn sie sich einst satt geküßt, sie möchten sich erstechen.

Da kam ein schöner Geist herbei und zeigt durch seine Lehren, “das Interesse dieses Werks beruhte auf Schimären:

Sollt sich wohl die Ministersfrau, weil man den Mann verwiesen, gleich in der ersten Ungeduld, erstechen und erschießen!

Denn stellt von tausend Fällen euch nur einen in Gedanken, wie′s anders gehen konnt! wie bald wird das Intresse schwanken!

Gesetzt es hätte der Tyrann das Urteil unterschrieben, allein es reute ihn, und wünscht, es wäre unterblieben:

Und er ließ nun den braven Mann mit Ehr und Gut beschenken, und dieser zög aufs Land, um fern vom Hof und seinen Ränken,

Sein väterliches Gut zu baun, die Kinder zu erziehen, und dankt der Vorsicht in der Still für das, so sie verliehen.

Ist das nicht besser, als wenn er sogleich, der Welt verdrossen, sich in der ersten Stunde hätt erstochen und erschossen.”

Auch sorgt der Rektor jenes Orts daß in dem Schulexamen, zwei Knaben über diesen Text zu disputieren kamen.

Die zeigten denn durch Mendelssohn und die Empfindungsbriefe, daß aller Selbstmord in der Welt am Ende dahin liefe:

Daß man im Unglück sich so ließ durch Sinnlichkeiten rühren, die höh′re Seelenkräfte nicht das Ruder ließe führen;

Dagegen sollt der Mensch, als Herr, sich wissen zu regieren, und eh er sich erschießen wollt, sich lieber distrahieren.

In Leipzig ging′s derweile bunt! mit Recht war zu besorgen, die Leute die erstächen sich am lieben hellen Morgen.

Es fürchteten am Ende gar die feisten Sup′rindenten, die Weiber präsentierten ihn′n den Dolch in ihren Händen,

Und riefen: “Herr, es tut nicht weh!” Da hätten sie sich schämen, und gar vielleicht in eigne Hand den Degen müssen nehmen.

Drum setzten sie sich an den Tisch in ihren großen Krägen, und fingen an mit Gott und Mut die Sach zu überlegen.

Und wurden eins, daß man sogleich den Männern und den Frauen, bei hundert Taler Straf verbot das Bildchen anzuschauen.

Der Fremdling der sich unterstünd dergleichen einzuführen, soll künftig auf der Stelle gleich den Kopf dafür verlieren.

Den Künstlern in dem Lande sei′s doch unverwehrt indessen, von Bildern dieser Art hinfür auf allen ihren Messen,

Zu schnitzeln, zu behaun, und auch im Lande zu verfahren! weil nie ein solches Ärgernis von ihnen zu befahren.

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Illustration zu Pätus und Arria

Interpretation

Das Gedicht "Pätus und Arria" von Johann Heinrich Merck kritisiert die Verbreitung eines Bildes, das die antiken Figuren Pätus und Arria darstellt. Es beschreibt, wie ein junger Mann das Bild anfertigt und ausstellt, was zu großem Aufruhr führt. Die Jugend wird von dem Bild emotional berührt und weint, während ältere und vernünftigere Menschen das Ganze als lächerlich empfinden. Es wird befürchtet, dass die Jugend durch das Bild zu Selbstmordgedanken verleitet werden könnte. Ein "schöner Geist" tritt auf und erklärt, dass das Interesse an dem Werk auf Schimären beruht. Er stellt eine alternative, positivere Version der Geschichte vor, in der Pätus begnadigt wird und ein glückliches Leben führt. Der Rektor der Stadt organisiert eine Debatte über den Text, in der Mendelssohn und die Empfindungsbriefe als Argumente gegen den Selbstmord verwendet werden. Am Ende verbieten die Behörden das Betrachten des Bildes mit einer hohen Geldstrafe und drohen mit dem Tode für jeden, der ein ähnliches Bild einführt. Künstlern wird jedoch weiterhin erlaubt, solche Bilder herzustellen und zu verkaufen, da sie als harmlos gelten. Das Gedicht endet mit der Feststellung, dass von solchen Bildern keine Gefahr ausgeht.

Schlüsselwörter

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Wortwolke zu Pätus und Arria

Stilmittel

Alliteration
von Bildern dieser Art hinfür auf allen ihren Messen
Anspielung
die Empfindungsbriefe
Hyperbel
den Kopf dafür verlieren
Ironie
weil nie ein solches Ärgernis von ihnen zu befahren
Kontrast
den Männern und den Frauen, bei hundert Taler Straf verbot das Bildchen anzuschauen
Metapher
das Interesse dieses Werks beruhte auf Schimären
Personifikation
die höh're Seelenkräfte nicht das Ruder ließe führen
Rhetorische Frage
Ist das nicht besser, als wenn er sogleich, der Welt verdrossen, sich in der ersten Stunde hätt erstochen und erschossen
Symbolik
den Dolch