Osterspaziergang
1806Vom Eise befreit sind Strom und Bäche Durch des Frühlings holden, belebenden Blick, Im Tale grünet Hoffnungsglück; Der alte Winter, in seiner Schwäche, Zog sich in rauhe Berge zurück. Von dorten sendet er, fliehend, nur Ohnmächtige Schauer körnigen Eises In Streifen über die grünende Flur; Aber die Sonne duldet kein Weißes, Überall regt sich Bildung und Streben, Alles will sie mit Farben beleben; Doch an Blumen fehlt′s im Revier, Sie nimmt geputzte Menschen dafür. Kehre dich um, von diesen Höhen Nach der Stadt zurückzusehen. Aus dem hohlen, finstern Tor Dringt ein buntes Gewimmel hervor. Jeder sonnt sich heute so gern. Sie feiern die Auferstehung des Herrn, Denn sie sind selber auferstanden; Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, Aus Handwerks- und Gewerbesbanden, Aus dem Druck von Giebeln und Dächern, Aus der Straßen quetschender Enge, Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht Sind sie alle ans Licht gebracht. Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge Durch die Gärten und Felder zerschlägt, Wie der Fluß in Breit′ und Länge So manchen lustigen Nachen bewegt, Und bis zum Sinken überladen Entfernt sich dieser letzte Kahn. Selbst von des Berges fernen Pfaden Blinken uns farbige Kleider an. Ich höre schon des Dorfs Getümmel, Hier ist des Volkes wahrer Himmel, Zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich′s sein."
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Interpretation
Das Gedicht "Osterspaziergang" von Johann Wolfgang von Goethe beschreibt den Übergang vom Winter zum Frühling und die damit verbundene Erneuerung und Befreiung. Der Frühling, personifiziert als "holden, belebenden Blick", lässt Eis und Schnee schmelzen und lässt die Natur erblühen. Der Winter zieht sich in die Berge zurück und sendet nur noch schwache Schneeschauer, während die Sonne alles mit Farben belebt. Die Natur erwacht zu neuem Leben, doch Blumen fehlen noch, weshalb geschmückte Menschen als Ersatz dienen. Der Blick richtet sich dann auf die Stadt, wo sich die Menschen aus ihren beengten Wohnungen und Arbeitsstätten befreit haben. Sie strömen ins Freie, um die Auferstehung des Herrn zu feiern, was auch ihre eigene Auferstehung symbolisiert. Die Menschen sind aus den "dumpfen Gemächern", den "Handwerks- und Gewerbesbanden" und der Enge der Straßen ans Licht gekommen. Sie genießen die Freiheit und das bunte Treiben in den Gärten, Feldern und auf dem Fluss. Das Gedicht endet mit der Feststellung, dass das Dorf der "wahre Himmel des Volkes" ist, wo sich Groß und Klein zufrieden und fröhlich fühlen. Die letzte Zeile "Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein" drückt die Erleichterung und Freude darüber aus, endlich wieder Mensch sein zu können, frei von den Zwängen des Alltags. Das Gedicht vermittelt eine optimistische Stimmung und feiert die Erneuerung und Befreiung, die der Frühling und das Osterfest mit sich bringen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Zufrieden jauchzet groß und klein
- Metapher
- Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein
- Personifikation
- Vom Eise befreit sind Strom und Bäche Durch des Frühlings holden, belebenden Blick