Ostern

Hanns von Gumppenberg

1866

Heute, da Osterluft weht, Darfst du den Zauberspruch wagen, Seele, daß dir auch ersteht, Was du zu Grabe getragen.

Liebe zu allem, was ist - Einst in jungfeurigen Stunden, Ob du viel klüger nun bist, Hast du doch rechter empfunden!

Glauben an alles, was schafft Mitten im wüsten Vernichten, Und an den Sieg der Kraft Ueber das Treiben von Wichten!

Hoffnung auf alles, was hell Einst dich gelockt in die Weiten - Kamst du ans Ziel nicht so schnell, Krönen dich kommende Zeiten!

Rufe hinab in die Nacht, Drinnen die drei sich verborgen: Auf, ihr Begrabnen, erwacht! Steigt an den goldenen Morgen!

Siehe, sie starben dir nicht, Die dich dem Leben verbanden - Und wie sie tauchen ans Licht, Fühlst du dich selber erstanden.

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Illustration zu Ostern

Interpretation

Das Gedicht "Ostern" von Hanns von Gumppenberg thematisiert die Auferstehung und Neubelebung von drei geistigen Kräften: Liebe, Glaube und Hoffnung. Der Sprecher ermutigt die Seele, an diesem Ostertag einen "Zauberspruch" zu wagen, um das wiederzubeleben, was sie zu Grabe getragen hat. Die Liebe, einst in jugendlichen Stunden empfunden, wird als rechter und authentischer beschrieben als das heutige, vermeintlich klügere Verständnis. Der Glaube wird als feste Überzeugung dargestellt, die auch inmitten der Vernichtung und des Chaos an die Kraft des Schaffens und den Sieg über das Böse glaubt. Die Hoffnung, die einst in die Weiten lockte, wird als etwas beschrieben, das sich in zukünftigen Zeiten auszahlen wird, auch wenn das Ziel nicht schnell erreicht wurde. Der zweite Teil des Gedichts beschreibt einen Aufruf an die drei geistigen Kräfte, die in der Nacht verborgen sind, aufzuerstehen und an den "goldenen Morgen" zu steigen. Der Sprecher betont, dass diese Kräfte, die das Leben verbanden, nicht gestorben sind, sondern wieder ans Licht tauchen. In diesem Moment der Auferstehung fühlt sich der Sprecher selbst erstanden, was auf eine persönliche Transformation und Erneuerung hindeutet. Das Gedicht verbindet somit die christliche Auferstehungsidee mit einer inneren, geistigen Auferstehung und betont die Wichtigkeit von Liebe, Glaube und Hoffnung für das menschliche Dasein.

Schlüsselwörter

einst ans heute osterluft weht darfst zauberspruch wagen

Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
Glauben an alles, was schafft / Und an den Sieg der Kraft
Apostrophe
Rufe hinab in die Nacht
Kontrast
Liebe zu allem, was ist - Einst in jungfeurigen Stunden
Metapher
goldenen Morgen
Personifikation
Seele, daß dir auch ersteht