Orpheus mit der Rose
1899Bist du, mir emporgesandt, endlich wieder da? Hundertblättriges Gewand, ließ dich los des Hermes Hand, noch zum Greifen nah?
Todesgöttin ernst verhüllt wie ein Nardenkrug, Duft, der maßlos höher schwillt, Balsam, der dem Schoß entquillt: Ist’s der Qual genug?
Brüste, kennt ihr schon nicht mehr den, dem es gefiel, euren Bug, begierdeleer zu berühren, zart und schwer wie ein Saitenspiel?
Hüften, Schenkel, Glied um Glied tiefen Schlafes voll… Dass der Traum euch niederzieht, oder wollt ihr, dass mein Lied euch erwecken soll?
Stille. Wie in Plutos Haus weder Ja, noch Nein. Leise schlüpft zurück die Maus, doch ein Name weht voraus wie des Morgens Schein.
Sein Gewölbe sphärisch legt sich um meinen Leib: Mutter, die mich mystisch hegt, ungeboren mich, trägt, heute sagst du: “Bleib!”
In dem Hauch der Rose ruht wunschlos mein Geschlecht. Wenn einst der Mänade Wut mir zerstücket Fleisch und Blut, ist es Orpheus recht.
Haupt und Leier schwimmen dann auf dem Samenstrom. Beides ward ich: Weib und Mann, Allnatur, erlöst vom Bann, Wurzel und Arom…
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Interpretation
Das Gedicht "Orpheus mit der Rose" von Elisabeth Langgässer thematisiert die mythologische Figur des Orpheus, der in die Unterwelt hinabsteigt, um seine geliebte Eurydike zurückzuholen. Die Rose symbolisiert dabei die Schönheit und Vergänglichkeit des Lebens, während die Unterwelt als Ort der Stille und des Todes dargestellt wird. Das Gedicht beschreibt den Versuch des Orpheus, die Tote zu erwecken und sie zurück ins Leben zu holen. Die "Todesgöttin" wird als ernst und verhüllt beschrieben, und der Duft der Rose wird als Balsam bezeichnet, der den Schmerz des Verlustes lindern soll. Die Körperteile der Toten werden als schlafend und träumend beschrieben, und es bleibt unklar, ob sie durch das Lied des Orpheus erweckt werden sollen oder nicht. Am Ende des Gedichts wird Orpheus selbst zum Opfer, da er von den Mänaden zerstückelt wird. Sein Haupt und seine Leier werden zu Symbolen der Transformation und Erlösung, da er zu einem "Allnatur" wird, der von den Fesseln der menschlichen Existenz befreit ist. Die Rose bleibt als Symbol der Schönheit und Vergänglichkeit bestehen, und der Zyklus von Leben und Tod wird als ewiger Prozess dargestellt.
Schlüsselwörter
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Stilmittel
- Metapher
- Beides ward ich: Weib und Mann, Allnatur, erlöst vom Bann, Wurzel und Arom...
- Personifikation
- Todesgöttin ernst verhüllt wie ein Nardenkrug