Orpheus. Eurydike. Hermes.
1907Das war der Seelen wunderliches Bergwerk. Wie stille Silbererze gingen sie als Adern durch sein Dunkel. Zwischen Wurzeln entsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen, und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel. Sonst war nichts Rotes.
Felsen waren da und wesenlose Wälder. Brücken über Leeres und jener große graue blinde Teich, der über seinem fernen Grunde hing wie Regenhimmel über einer Landschaft. Und zwischen Wiesen, sanft und voller Langmut, erschien des einen Weges blasser Streifen, wie eine lange Bleiche hingelegt.
Und dieses einen Weges kamen sie.
Voran der schlanke Mann im blauen Mantel, der stumm und ungeduldig vor sich aussah. Ohne zu kauen fraß sein Schritt den Weg in großen Bissen; seine Hände hingen schwer und verschlossen aus dem Fall der Falten und wussten nicht mehr von der leichten Leier, die in die Linke eingewachsen war wie Rosenranken in den Ast des Ölbaums. Und seine Sinne waren wie entzweit: indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief, umkehrte, kam und immer wieder weit und wartend an der nächsten Wendung stand, - blieb sein Gehör wie ein Geruch zurück. Manchmal erschien es ihm als reichte es bis an das Gehen jener beiden andern, die folgen sollten diesen ganzen Aufstieg. Dann wieder war’s nur seines Steigens Nachklang und seines Mantels Wind was hinter ihm war. Er aber sagte sich, sie kämen doch; sagte es laut und hörte sich verhallen. Sie kämen doch, nur wären’s zwei die furchtbar leise gingen. Dürfte er sich einmal wenden (wäre das Zurückschaun nicht die Zersetzung dieses ganzen Werkes, das erst vollbracht wird), müsste er sie sehen, die beiden Leisen, die ihm schweigend nachgehn:
Den Gott des Ganges und der weiten Botschaft, die Reisehaube über hellen Augen, den schlanken Stab hertragend vor dem Leibe und flügelschlagend an den Fußgelenken; und seiner linken Hand gegeben: sie.
Die So-geliebte, dass aus einer Leier mehr Klage kam als je aus Klagefrauen; dass eine Welt aus Klage ward, in der alles noch einmal da war: Wald und Tal und Weg und Ortschaft, Feld und Fluss und Tier; und dass um diese Klage-Welt, ganz so wie um die andre Erde, eine Sonne und ein gestirnter stiller Himmel ging, ein Klage-Himmel mit entstellten Sternen -: Diese So-geliebte.
Sie aber ging an jenes Gottes Hand, den Schrittbeschränkt von langen Leichenbändern, unsicher, sanft und ohne Ungeduld. Sie war in sich, wie Eine hoher Hoffnung, und dachte nicht des Mannes, der voranging, und nicht des Weges, der ins Leben aufstieg. Sie war in sich. Und ihr Gestorbensein erfüllte sie wie Fülle. Wie eine Frucht von Süßigkeit und Dunkel, so war sie voll von ihrem großen Tode, der also neu war, dass sie nichts begriff.
Sie war in einem neuen Mädchentum und unberührbar; ihr Geschlecht war zu wie eine junge Blume gegen Abend, und ihre Hände waren der Vermählung so sehr entwöhnt, dass selbst des leichten Gottes unendlich leise, leitende Berührung sie kränkte wie zu sehr Vertraulichkeit.
Sie war schon nicht mehr diese blonde Frau, die in des Dichters Liedern manchmal anklang, nicht mehr des breiten Bettes Duft und Eiland und jenes Mannes Eigentum nicht mehr.
Sie war schon aufgelöst wie langes Haar und hingegeben wie gefallner Regen und ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat.
Sie war schon Wurzel.
Und als plötzlich jäh der Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausruf die Worte sprach: Er hat sich umgewendet -, begriff sie nichts und sagte leise: Wer?
Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang, stand irgend jemand, dessen Angesicht nicht zu erkennen war. Er stand und sah, wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen, die schon zurückging dieses selben Weges, den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern, unsicher, sanft und ohne Ungeduld.
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Interpretation
Das Gedicht "Orpheus. Eurydike. Hermes." von Rainer Maria Rilke ist eine tiefgründige und symbolträchtige Auseinandersetzung mit dem Mythos von Orpheus und Eurydike. Es beschreibt die Reise der beiden durch das Totenreich, wobei Orpheus versucht, seine geliebte Eurydike aus dem Reich der Toten zurück ins Leben zu führen. Das Gedicht zeichnet sich durch seine bildhafte Sprache und die eindringliche Darstellung der Figuren aus. Der erste Teil des Gedichts schildert die düstere und fremde Atmosphäre des Totenreichs, in der sich die Seelen wie "stille Silbererze" durch das Dunkel bewegen. Der Weg, den Orpheus und Eurydike gehen müssen, wird als "bleicher Streifen" beschrieben, der sich durch eine karge und unwirtliche Landschaft zieht. Die Figur des Orpheus wird als "schlanker Mann im blauen Mantel" eingeführt, der ungeduldig und schweigsam voranschreitet, während seine Sinne "wie entzweit" erscheinen. Im weiteren Verlauf des Gedichts wird die Figur des Hermes, des Gottes des Ganges und der weiten Botschaft, eingeführt. Er begleitet das Paar auf ihrem Weg und führt Eurydike an der Hand. Eurydike selbst wird als "so-geliebte" beschrieben, die in sich selbst ruht und den Tod bereits akzeptiert hat. Sie ist "in einem neuen Mädchentum" und "unberührbar", da ihr Geschlecht "wie eine junge Blume gegen Abend" geschlossen ist. Der Höhepunkt des Gedichts erreicht man, als der Gott Eurydike anhält und mit Schmerz im Ausruf die Worte spricht: "Er hat sich umgewendet". Eurydike versteht nicht, was geschieht, und fragt leise: "Wer?". In diesem Moment wird deutlich, dass Orpheus sich umgedreht hat, um nach Eurydike zu sehen, und dadurch den Auftrag des Hades missachtet hat. Das Gedicht endet mit der Beschreibung einer unbekannten Gestalt, die zusieht, wie der Gott der Botschaft sich schweigend wendet, um der Gestalt zu folgen, die bereits den Weg zurück ins Totenreich antritt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- trauervollem Blick der Gott der Botschaft
- Bildsprache
- Brücken über Leeres und jener große graue blinde Teich
- Hyperbel
- mehr Klage kam als je aus Klagefrauen
- Metapher
- Sie war schon Wurzel
- Personifikation
- zwischen Wurzeln entsprang das Blut
- Vergleich
- und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel