Orgie

Else Lasker-Schüler

1902

Der Abend küsste geheimnisvoll die knospenden Oleander. Wir spielten und bauten Tempel Apoll und taumelten sehnsuchtsvoll ineinander. Und der Nachthimmel goss seinen schwarzen Duft in die schwellenden Wellen der brütenden Luft, und Jahrhunderte sanken und reckten sich und reihten sich wieder golden empor zu sternenverschmiedeten Ranken. Wir spielten mit dem glücklichsten Glück, mit den Früchten des Paradiesmai, und im wilden Gold Deines wirren Haars sang meine tiefe Sehnsucht Geschrei, wie ein schwarzer Urwaldvogel. Und junge Himmel fielen herab, unersehnbare, wildsüße Düfte; wir rissen uns die Hüllen ab und schrieen! Berauscht vom Most der Lüfte. Ich knüpfte mich an Dein Leben an, bis dass es ganz in ihm zerrann, und immer wieder Gestalt nahm und immer wieder zerrann. Und unsere Liebe jauchzte Gesang, zwei wilde Symphonieen!

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Illustration zu Orgie

Interpretation

Das Gedicht "Orgie" von Else Lasker-Schüler ist ein sinnliches und ekstatisches Loblied auf die Leidenschaft und die Intensität der Liebe. Die Dichterin beschreibt eine nächtliche Szene, in der sie und ihr Geliebter in einem Rausch der Gefühle versinken. Die Natur wird als sinnlicher Begleiter dargestellt, der die Stimmung der Liebenden widerspiegelt und verstärkt. Das Gedicht ist geprägt von einer starken Metaphorik und einer bildhaften Sprache. Die Oleanderknospen werden als "küssend" beschrieben, was eine sexuelle Anspielung sein könnte. Die Tempel Apollos symbolisieren die Vergänglichkeit und die Zerstörung der menschlichen Schöpfungen im Angesicht der Leidenschaft. Die "schwellenden Wellen der brütenden Luft" und der "schwarze Duft" des Nachthimmels evozieren eine Atmosphäre der Sinnlichkeit und des Verlangens. Die Liebenden werden als wilde, ungezähmte Wesen dargestellt, die sich in ihrer Leidenschaft verlieren. Sie reißen sich "die Hüllen ab" und schreien, was auf eine Art von animalischer Ekstase hindeutet. Die Liebe wird als "Gesang" und "Symphonie" beschrieben, was ihre Schönheit und Harmonie unterstreicht. Die Wiederholung des Satzes "Ich knüpfte mich an Dein Leben an, bis dass es ganz in ihm zerrann, und immer wieder Gestalt nahm und immer wieder zerrann" betont die zyklische Natur der Liebe und ihre Fähigkeit, sich immer wieder neu zu entfachen.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
jauchzte Gesang
Anapher
Und immer wieder Gestalt nahm und immer wieder zerrann
Enjambement
Und unsere Liebe jauchzte Gesang, / zwei wilde Symphonieen!
Hyperbel
Und Jahrhunderte sanken und reckten sich und reihten sich wieder golden empor
Metapher
Zwei wilde Symphonieen
Personifikation
Der Abend küsste geheimnisvoll