Ora pro nobis
1893Heil′ge Dämm′rung waltet durch der Rotunda Tausendjähr′ge Wölbung, der Geist des Abends Mahnt zum Beten, mahnet zur letzten Andacht,
Auf den Knieen umher in des Tempels hoher Rundung liegt das gläubige Volk, und Alles Tönt einstimmig, Jungfrau, dein Lob und flehet:
Und die Schatten decken auch mich; der Vielen Sieht mich keiner, wunderbar drängt′s von Innen, Widerständ′ ich? - Zaubrische Macht, ich kniee,
Immer wiederkehrt der Gesang, der Vorwelt Schauer kehren wieder mit ihm - o Menschheit, Sieh′ mich nicht, ich bin - ich bin dein und flehe:
Doch was fühl′ ich! Holde Erinn′rung, bist du′s, Die mich tief anwandelt, o bitter bist du, Bitter - denn sie kniete mir einst zur Seite -
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Interpretation
Das Gedicht "Ora pro nobis" von Wilhelm Friedrich Waiblinger beschreibt eine Szene in einer Rotunde, in der das gläubige Volk zum Gebet zusammenkommt. Die heilige Dämmerung und der Geist des Abends laden zum letzten Gebet ein. Der Erzähler, der sich unter die Betenden mischt, wird von einer magischen Kraft ergriffen und kniet nieder. Der Gesang der Menge weckt schauerliche Erinnerungen an die Vergangenheit, und der Erzähler fühlt sich mit der Menschheit verbunden, während er fleht. Im zweiten Teil des Gedichts wird die emotionale Tiefe der Szene durch die Erinnerung an eine vergangene Liebe verstärkt. Der Erzähler wird von einer lieblichen Erinnerung tief berührt, die jedoch bitter ist, da sie an eine Person erinnert, die einst an seiner Seite kniete. Diese Erinnerung verleiht dem Gebet eine persönliche und schmerzhafte Dimension, die die universelle Handlung des Betens mit individueller Trauer und Sehnsucht verbindet.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Und die Schatten decken auch mich
- Anapher
- mahnt zum Beten, mahnet zur letzten Andacht
- Ausruf
- o Menschheit
- Bildsprache
- Auf den Knieen umher in des Tempels hoher Rundung liegt das gläubige Volk
- Gegenüberstellung
- bitter bist du, bitter - denn sie kniete mir einst zur Seite
- Metapher
- Tausendjähr′ge Wölbung
- Personifikation
- Heil′ge Dämm′rung waltet durch der Rotunda
- Rhetorische Frage
- Widerständ′ ich?
- Wiederholung
- Immer wiederkehrt der Gesang