Opuntia Monacantha

Maria Luise Weissmann

1930

Ich nahte mich, wie einem frommen Brot Ein Pilger naht, mit sehnsuchtvollem Munde. Du stießest ihn, Dir aufgetane Wunde, In eine tiefre nie gestillte Not:

Du höhntest ihn mit übernommner Hülle Von Saft und Speisung, bitter bis zum Rand, O bittre Frucht! Der Mund, der Dich im Brand Einmal empfing, sieh, er verlangt die Fülle

Von Bitterkeit wie Süße; widersteht Keiner Erfahrung mehr: Er kommt und mündet Dürstend in Dich und nimmt und trinkt und geht

Von Dir und ist so ganz mit Schmerz versehrt, Daß er wie ein Beseßner sich entzündet Neu aus sich selbst und endlos wiederkehrt.

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Illustration zu Opuntia Monacantha

Interpretation

Das Gedicht "Opuntia Monacantha" von Maria Luise Weissmann handelt von der ambivalenten Beziehung zwischen einem Menschen und einer stacheligen Pflanze, wahrscheinlich einem Feigenkaktus. Der Sprecher nähert sich der Pflanze mit sehnsüchtiger Erwartung, wie ein Pilger dem Brot, wird jedoch durch ihre stachelige Hülle in eine tiefe Not gestoßen. Die Pflanze täuscht den Menschen mit ihrer äußeren Hülle von Saft und Speisung, die jedoch bis zum Rand bitter ist. Der Mund, der die Frucht einmal im Brand empfangen hat, sehnt sich nun nach der Fülle von Bitterkeit wie Süße. Keiner Erfahrung widersteht er mehr, sondern kommt immer wieder durstig in die Pflanze, nimmt und trinkt und geht, nur um sich erneut entzünden zu lassen. Der Mensch ist so sehr mit Schmerz versehrt, dass er sich wie ein Besessener neu aus sich selbst entzündet und endlos wiederkehrt. Das Gedicht beschreibt die faszinierende, aber auch quälende Anziehungskraft der Pflanze auf den Menschen, die ihn immer wieder in ihren Bann zieht, obwohl er sich dabei immer wieder verletzt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Daß er wie ein Beseßner sich entzündet
Personifikation
Du stießest ihn, Dir aufgetane Wunde