Opti-pessimistisch

Friedrich Theodor Vischer

1807

(An J. K.)

Die Welt ist, weil nicht Nichts kann sein, Und sie ist nur aus diesem Grund, So kann es ohne Lumperei’n Nicht abgehn, ohne Wust und Schund. Er reichte nicht, der schwache Werdetrieb Zum vollen Werden aus dem Nichts heraus, So daß halbwegs der Aufbau stecken blieb Und lottrig ausfiel das entworf’ne Haus. Dieß Etwas, Welt, ist wenig mehr als Nichts, Doch mit dem Nichts, da ist es recht erst Nichts. In’s Nichts gelangen hält man für Genuß, Allein wenn einer sterben muß, So ist, wann es geschehen, ja Dieß zu genießen Niemand da. Statt des Gebrumms vom Weltenkrach Werd’ etwas, etwas Rechtes, mach’! Dann fügest als ein Mehrer du Dem Etwas Welt dein Etwas zu, Hast keine Zeit, zu klagen, Vergiß’st in deinen Tagen Die Zeit, den schwarzen Alb, das Nachtgespenst des Nichts, Das in dem Etwas sitzt als ruß’ger Docht des Lichts.

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Illustration zu Opti-pessimistisch

Interpretation

Das Gedicht "Opti-pessimistisch" von Friedrich Theodor Vischer ist eine philosophische Auseinandersetzung mit dem Sein und Nichtsein. Der Dichter beschäftigt sich mit der Frage, warum die Welt existiert und was ihre Natur ausmacht. Er vertritt die These, dass die Welt nur existiert, weil es nicht möglich ist, dass Nichts existiert. Dies führt zu einer Welt voller "Lumperei'n", "Wust und Schund", da der schwache Werdetrieb nicht ausreicht, um aus dem Nichts heraus ein vollkommenes Sein zu erschaffen. Das Ergebnis ist ein unvollkommener Aufbau, der "lottrig ausfiel" und einem "entworf'nen Haus" gleicht. Das Gedicht setzt sich weiterhin mit der Frage nach dem Sinn des Lebens auseinander. Vischer argumentiert, dass das Etwas, die Welt, wenig mehr als Nichts ist. Das Streben nach dem Nichts, nach dem Nichtsein, wird als Genuss empfunden, aber der Tod, das endgültige Nichtsein, kann von niemandem genossen werden, da niemand mehr da ist, um es zu genießen. Der Dichter fordert den Leser auf, etwas zu erschaffen, etwas Rechtes zu machen, anstatt sich über den Weltenkrach zu beklagen. Indem man der Welt sein eigenes Etwas hinzufügt, wird man zum Mehrer und vergisst dabei die Zeit, den "schwarzen Alb", das "Nachtgespenst des Nichts", das in dem Etwas als ruß'ger Docht des Lichts sitzt. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine ambivalente Haltung zum Leben. Einerseits wird die Welt als unvollkommen und voller Mängel dargestellt, andererseits wird die Schaffung von etwas Neuem als sinnstiftend und erfüllend empfunden. Die Zeit, als "schwarzer Alb" und "Nachtgespenst des Nichts", wird als bedrohlich und vergänglich dargestellt, aber durch die Beschäftigung mit der Schöpfung und dem Hinzufügen des eigenen Etwas zur Welt kann man sie vergessen und einen Sinn im Leben finden.

Schlüsselwörter

welt kann dieß zeit grund lumperei abgehn wust

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Doch mit dem Nichts, da ist es recht erst Nichts.
Anapher
So kann es ohne Lumperei'n / Nicht abgehn, ohne Wust und Schund.
Antithese
Die Welt ist, weil nicht Nichts kann sein, / Und sie ist nur aus diesem Grund
Hyperbel
Die Zeit, den schwarzen Alb, das Nachtgespenst des Nichts
Metapher
Das in dem Etwas sitzt als ruß'ger Docht des Lichts
Personifikation
Die Zeit, den schwarzen Alb, das Nachtgespenst des Nichts
Rhetorische Frage
Allein wenn einer sterben muß, / So ist, wann es geschehen, ja / Dieß zu genießen Niemand da.