Ophelia

Georg Heym

1887

Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten, Und die beringten Hände auf der Flut Wie Flossen, also treibt sie durch den Schatten Des großen Urwalds, der im Wasser ruht.

Die letzte Sonne, die im Dunkel irrt, Versenkt sich tief in ihres Hirnes Schrein. Warum sie starb? Warum sie so allein Im Wasser treibt, das Farn und Kraut verwirrt?

Im dichten Röhricht steht der Wind. Er scheucht Wie eine Hand die Fledermäuse auf. Mit dunklem Fittich, von dem Wasser feucht Stehn sie wie Rauch im dunklen Wasserlauf,

Wie Nachtgewölk. Ein langer, weißer Aal Schlüpft über ihre Brust. Ein Glühwurm scheint Auf ihrer Stirn. Und eine Weide weint Das Laub auf sie und ihre stumme Qual.

Korn. Saaten. Und des Mittags roter Schweiß. Der Felder gelbe Winde schlafen still. Sie kommt, ein Vogel, der entschlafen will. Der Schwäne Fittich überdacht sie weiß.

Die blauen Lider schatten sanft herab. Und bei der Sensen blanken Melodien Träumt sie von eines Kusses Karmoisin Den ewigen Traum in ihrem ewigen Grab.

Vorbei, vorbei. Wo an das Ufer dröhnt Der Schall der Städte. Wo durch Dämme zwingt Der weiße Strom. Der Widerhall erklingt Mit weitem Echo. Wo herunter tönt

Hall voller Straßen. Glocken und Geläut. Maschinenkreischen. Kampf. Wo westlich droht In blinde Scheiben dumpfes Abendrot, In dem ein Kran mit Riesenarmen dräut,

Mit schwarzer Stirn, ein mächtiger Tyrann, Ein Moloch, drum die schwarzen Knechte knien. Last schwerer Brücken, die darüber ziehn Wie Ketten auf dem Strom, und harter Bann.

Unsichtbar schwimmt sie in der Flut Geleit. Doch wo sie treibt, jagt weit den Menschenschwarm Mit großem Fittich auf ein dunkler Harm, Der schattet über beide Ufer breit.

Vorbei, vorbei. Da sich dem Dunkel weiht Der westlich hohe Tag des Sommers spät, Wo in dem Dunkelgrün der Wiesen steht Des fernen Abends zarte Müdigkeit.

Der Strom trägt weit sie fort, die untertaucht, Durch manchen Winters trauervollen Port. Die Zeit hinab. Durch Ewigkeiten fort, Davon der Horizont wie Feuer raucht.

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Illustration zu Ophelia

Interpretation

Das Gedicht "Ophelia" von Georg Heym ist eine eindringliche Darstellung des Todes der Figur Ophelia aus Shakespeares "Hamlet". Das Gedicht beginnt mit einer lebendigen Beschreibung von Ophelias Körper, der im Wasser treibt. Ihre Haare werden als "Nest von jungen Wasserratten" beschrieben, und ihre Hände werden als "beringte Flossen" dargestellt. Der Fluss, in dem sie treibt, wird als "großer Urwald" beschrieben, der im Wasser ruht, was eine surreale und traumhafte Atmosphäre schafft. Die zweite Strophe des Gedichts stellt Fragen nach dem Warum von Ophelias Tod und ihrer Einsamkeit. Die Sonne, die "im Dunkel irrt", versenkt sich tief in ihr Gehirn, was auf einen inneren Konflikt oder eine tiefe Traurigkeit hindeutet. Die Szenerie wird weiterhin mit Fledermäusen, einem Aal und einem Glühwurm beschrieben, was eine unheimliche und unnatürliche Atmosphäre schafft. Die Weide, die "das Laub auf sie und ihre stumme Qual" weint, symbolisiert Trauer und Mitgefühl. In der dritten Strophe des Gedichts wechselt die Szenerie zu einem Kornfeld, wo Ophelia als "Vogel, der entschlafen will" beschrieben wird. Die Schwäne, die über sie hinwegfliegen, könnten als Symbol für Reinheit und Unschuld interpretiert werden. Die "ewigen Traum in ihrem ewigen Grab" deutet auf einen ewigen Schlaf oder Tod hin. Die vierte Strophe führt den Leser zurück zum Fluss, wo die Geräusche der Stadt und der Maschinen zu hören sind. Die Beschreibung der Stadt als "Moloch" und die "schwarzen Knechte", die vor ihm knien, deutet auf eine Kritik an der Industrialisierung und der entmenschlichenden Wirkung der modernen Gesellschaft hin. In der fünften Strophe wird Ophelia als unsichtbar im Wasser schwimmend beschrieben, aber ihre Anwesenheit verursacht Angst und Schrecken unter den Menschen. Der "dunkle Harm", der über beide Ufer schattet, könnte als Symbol für den Tod oder das Unbekannte interpretiert werden. Die letzte Strophe des Gedichts beschreibt den Sonnenuntergang und die Müdigkeit des Abends. Der Fluss trägt Ophelia fort, durch die Zeit und die Ewigkeiten, wobei der Horizont wie Feuer raucht. Dies könnte als Symbol für die unausweichliche Vergänglichkeit des Lebens und die Unausweichlichkeit des Todes interpretiert werden.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Metapher
Davon der Horizont wie Feuer raucht
Personifikation
Und eine Weide weint Das Laub auf sie und ihre stumme Qual
Rhetorische Frage
Warum sie starb? Warum sie so allein Im Wasser treibt, das Farn und Kraut verwirrt?
Vergleich
Der Schwäne Fittich überdacht sie weiß