Opfer
1926O wie blüht mein Leib aus jeder Ader duftender, seitdem ich dich erkenn; sieh, ich gehe schlanker und gerader, und du wartest nur-: wer bist du denn?
Sieh: ich fühle, wie ich mich entferne, wie ich Altes, Blatt um Blatt, verlier. Nur dein Lächeln steht wie lauter Sterne über dir und bald auch über mir.
Alles was durch meine Kinderjahre namenlos noch und wie Wasser glänzt, will ich nach dir nennen am Altare, der entzündet ist von deinem Haare und mit deinen Brüsten leicht bekränzt.
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Interpretation
Das Gedicht "Opfer" von Rainer Maria Rilke beschreibt eine tiefgreifende spirituelle und körperliche Verwandlung des lyrischen Ichs, ausgelöst durch die Begegnung mit einer geliebten Person. Der Sprecher fühlt sich durch diese Liebe verjüngt und gestärkt, sein Körper blüht auf und er geht schlanker und gerader. Doch gleichzeitig spürt er auch eine Distanzierung von seiner Vergangenheit, ein Abwerfen alter Hüllen wie fallende Blätter. Die Geliebte wird als konstantes, leuchtendes Element dargestellt, deren Lächeln wie Sterne über beiden leuchtet. Das lyrische Ich durchlebt eine Art Initiationsritus, bei dem es sich von seiner Kindheit und Jugend lossagt. Die Erinnerungen und Erfahrungen aus den Kinderjahren, die noch namenlos und wie Wasser glänzend sind, werden nun im Kontext der neuen Liebe benannt und geweiht. Das Altarbild, das durch das Haar der Geliebten entzündet und von ihren Brüsten geschmückt wird, symbolisiert die Sakralisierung dieser Liebe und die Bereitschaft des Sprechers, sich vollständig hinzugeben. Das Gedicht endet mit einer Art Opfergabe, bei der das lyrische Ich bereit ist, all das, was es bisher erlebt hat, der Geliebten zu widmen. Die Verwendung religiöser Bilder und die Sprache der Weihe und des Opfers deuten auf eine transzendente Dimension dieser Liebe hin. Es ist nicht nur eine irdische Leidenschaft, sondern eine spirituelle Erfahrung, die den Sprecher zu einer Art Erleuchtung führt und ihn bereit macht, sich vollständig für die neue Liebe zu öffnen und zu verwandeln.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- und mit deinen Brüsten leicht bekränzt
- Metapher
- O wie blüht mein Leib aus jeder Ader duftender
- Personifikation
- wie ich Altes, Blatt um Blatt, verlier
- Symbolik
- der entzündet ist von deinem Haare
- Vergleich
- Nur dein Lächeln steht wie lauter Sterne