Omar

Emmanuel Geibel

unknown

Inmitten seiner Turbankrieger, Die Stirne voll Gewitterschein, Zog Omar, der Kalif, als Sieger Ins Tor der Ptolemäer ein. Umrauscht von Mekkas Halbmondbannern, Ritt langsam er dahin im Zug, Ihm folgte mit den Bogenspannern Ein Negerschwarm, der Fackeln trug.

Sie zogen durch die öden Gassen, Durch Siegestor und Säulengang, Drin klirrend nur der Schritt der Massen, Der Hengste Stampfen widerklang; Schon lenkte zu den Porphyrstufen Der alten Hofburg der Kalif, Da warf vor seines Rosses Hufen Ein Greis sich in den Staub und rief:

»O Herr, der Sieger warst du heute, Und diese Stadt des Nils ist dein, So nimm als reiche Schlachtenbeute Ihr Gold und Erz und Elfenbein. Die Türme stürz in Schutt zusammen, Zerbrich den Bilderschmuck des Hains, Die Tempel selber gib den Flammen! Nur eins verschone, Herr, nur eins;

Sieh hin! Wo dort die Sphinxe grollen Am Tor, die Hüter unsres Ruhms, Da schläft in hunderttausend Rollen Der Geisterhort des Altertums. Was, seit der Erdkreis aufgerichtet, In Tat und Wort sich offenbart, Was je gedacht ward und gedichtet, Dort liegt′s der Nachwelt aufbewahrt.

O gib den Schatz, aus allen Reichen Der Welt gehäuft mit treuem Fleiß, Gib dies Vermächtnis ohnegleichen, Der Menschheit Erbteil gib nicht preis! Nein, heilig sei auch dir die Stätte, Die jede Muse fromm geweiht, Streck drüber deine Hand und rette Der Zukunft die Vergangenheit!«

Doch Omar zieht die Stirn in Falten Und spricht, indem sein Auge flammt: »Ich bin genaht, Gericht zu halten, Was drängst du, Tor, dich in mein Amt? Hinweg, daß meines Zorns Geloder Nicht dich samt deinen Rollen trifft! Die Schätze, die du rühmst, sind Moder Und was du Weisheit nennst, ist Gift.

Schon allzulang am unfruchtbaren Vielwissen siecht die Welt erschlafft; Der Staub von mehr als tausend Jahren Liegt wie ein Alp auf jeder Kraft. Des Lebens Baum ließ ab zu lauben, Seit dran der Wurm des Zweifels zehrt: Wo ist ein Herz noch, frisch zum Glauben! Wo ist ein Arm noch, stark zum Schwert!

Daß endlich diese Dumpfheit ende, Bin ich gesandt, vom Herrn ein Blitz. Auf! Schleudert denn die Feuerbrände In der verjährten Krankheit Sitz! Und wenn, umwogt vom Flammenmeere, Der aufgetürmte Wust zergeht, Ruft: Gott ist groß! Ihm sei die Ehre! Und Mahomed ist sein Prophet!«

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Illustration zu Omar

Interpretation

Das Gedicht "Omar" von Emmanuel Geibel schildert die Szene, in der der Kalif Omar nach dem Sieg in eine Stadt einzieht und dabei auf einen alten Mann trifft, der ihn bittet, die Bibliothek der Stadt zu verschonen. Der Greis preist die Bibliothek als Hort des Wissens und der Kultur und bittet Omar, dieses einzigartige Erbe der Menschheit zu bewahren. Doch Omar lehnt ab und rechtfertigt seine Entscheidung damit, dass die Welt durch zu viel Wissen und Zweifel geschwächt sei und dass er gesandt sei, um diese "Dumpfheit" zu beenden und den Glauben an Gott und den Propheten Mohammed zu stärken. Die Interpretation des Gedichts legt nahe, dass es sich um eine Auseinandersetzung zwischen Wissen und Glauben, zwischen Aufklärung und religiösem Fanatismus handelt. Der alte Mann repräsentiert den Wert des Wissens und der Kultur, während Omar für den radikalen Glauben und die Zerstörung alles Nicht-Glaubens steht. Das Gedicht wirft die Frage auf, ob der Fortschritt durch die Bewahrung des Wissens oder durch die Reinigung des Glaubens erreicht wird. Es zeigt die Spannung zwischen dem Erhalt des kulturellen Erbes und der Idee, dass zu viel Wissen die Gesellschaft lähmt und dass radikaler Glaube notwendig sei, um die Welt zu erneuern. Letztendlich deutet das Gedicht an, dass die Zerstörung der Bibliothek durch Omar als Akt der Befreiung von der Last des Wissens und des Zweifels gesehen wird. Es stellt die These auf, dass wahre Erneuerung und Stärke aus dem Glauben und nicht aus dem Wissen kommen. Das Gedicht fordert den Leser auf, über den Wert von Wissen und Glauben nachzudenken und die Konsequenzen radikaler Entscheidungen für die Zukunft der Menschheit zu bedenken.

Schlüsselwörter

gib tor omar kalif sieger staub herr eins

Wortwolke

Wortwolke zu Omar

Stilmittel

Alliteration
Negernschwarm, der Fackeln trug
Anapher
Wo ist ein Herz noch, frisch zum Glauben! Wo ist ein Arm noch, stark zum Schwert!
Apostrophe
O Herr, der Sieger warst du heute
Bildsprache
Umrauscht von Mekkas Halbmondbannern
Hyperbel
Schon allzulang am unfruchtbaren Vielwissen siecht die Welt erschlafft
Ironie
Was du Weisheit nennst, ist Gift
Kontrast
O Herr, der Sieger warst du heute, Und diese Stadt des Nils ist dein
Metapher
Ich bin genaht, Gericht zu halten
Personifikation
Der Wurm des Zweifels zehrt
Symbolik
Der Geisterhort des Altertums