Olevano - Viertes Lied
1893Eine Stunde des Tages aber weiht′ ich Dir, o Loggia! Des Morgens, wenn die Sonne Aus den Hernikerfelsen, überm kahlen Sanft umdufteten Haupte des Serone Sich erhüb′, und die Purpurflamme glühend Um Olevano′s Häuserpyramide Höh′re Schönheit ergösse, säß ich längst schon Auf des Hauses Balkon, an dem das Weinlaub Schwellend volle Gewinde hoch emporrankt, Ueberquellend vom Geist des Freudengottes Schon die Traube dem süßen Lichte zulacht, Wo in mächtigen Blättern aus der Mauer Mit der reifenden Frucht die Feige vorgrünt, Saftig schon die Citrone lacht, die goldne, Die Melon′ ihr Gewächs zur Erde senket, Und zur Seite der einsamen Cypresse, Aus dem Busche die Goldcitrone blinket. Helle säh′ ich die wind′gen Schlösser blinken, Sähe Rocca di Cavi, morgenheiter Der Capranica Burg, Kastanienhügel Führten nun mir den Blick in der Campagna Bunte, schimmernde Gründe weit zur Ferne, Bis wo durch die Elysiumshaine Cavi′s Palestrina der Schattenpfad sich nähert, Zu der Volsker Gebirge, Cavignano, Bis zur Scurcola und Anagni′s Tempe.
Und die volle Erinn′rung schweifte manchmal In mein Latium hin, das ewig theure, Zu den Hainen Albano′s, zu Gandolfo′s Klarem, erlenbekränzten See, zu Nemi′s Altem, dunkeln Dianenwald, Genzano′s Meeresaussicht, und zu des Monte Cavo, Weltbeherrschenden Haupt, wo oft mein Auge Von Oreste, von Tibur′s Paradiese Das unendliche Meer bis zu der Circe Fernem, bläulichen Vorgebirg′, hinunter Zu Parthenope′s Zauberinseln schaute, Schweifte gerne zum rebenvollen Hügel, Wo die Stadt der Lavinia, fabelheilig, Drei Jahrtausende bald sich schon im Lichte Des hesperischen Himmels sonnt; sie schweifte Nach des ewigen Frühlings Wollusthainen, Frascatanischen Gärten zu, und bliebe Träumend stehn an der Einzigen, der Hehren, Unaussprechlich Erhab′nen, deren Kuppeln Aus der Schwermuth und Oede der Campagna Einsam ragen und doch die Welt beherrschten.
Einst auch so auf dem Hausbalkone saß ich, Unstät irrte mein Auge von dem Maulthier, Das den Bergpfad herauf der träge Führer Der rothwammsige, nach des Thores grauer Wölbung führte, hinweg in weite Fernen: Lange mocht′ ich wohl so hinüberschauen, Den Gedanken folgend, die gleich den Wolken Manchmal über die schöne Erde schweben, Und im fliegenden Wechsel bald verwehen, Als mein Blick nach Olevano′s Terrassen Aus der Ferne zumal sich kehrt; und siehe, Drüben, wo sich am Fels das Dorf emporhebt, Da gewahr′ ich auf hoher Loggia schöne, Farb′ge Frauengestalten, eine aber Ragt vor allen hervor an Wuchs und Hoheit Und an Jugend, an reicher Tracht und Kleidung. Weiß, in reizendem Faltenwurf erglänzt das Busentuch, um den Nacken sanft sich wölbend; Albanesische Sitte, weiß der Schleier, Blendend weiß das Gewand auch, Rosenbänder Und viel andere zieren Brust und Arme, Groß und königlich anzuschauen ist sie, Dienerinnen nur dünken mir die andern; Nieder aber von des Balkones Höhe, All die schönen Olivenhaine, die den Fuß des Felsens mit Silbergrün bedecken, All die Fülle der Feigen und Kastanien Und die farbigen Gründe der Campagna Ueberblickte sie, zu der Volsker fernen, Violetten Gebirgen dann sich wendend. Und mir däuchte - warum? ich wüßt′ es deutlich Nicht zu sagen - ein Weib aus grauen Zeiten Aus homerischer Welt zu schauen, sei es Nun Andromache, die von Priams Beste Ueber Ilion′s Eb′ne blickt, wo Hektor Mit den Danaern kämpft, sei es die schöne Königstochter Antigone, die ängstlich Mit der Sklavinnen Schaar von Thebens Mauern Niedersieht in das Feld, wo sich der Sieben Waffenglänzendes Heer zum Sturme nähert. Also königlich war sie anzuschauen, Jene Frauengestalt im weißen Schleier, Und im weißen Gewand und Busentuche; Nur ein Punkt in der weiten Felsenlandschaft, Schien sie doch mir die Herrin all des Landes.
Einsmals blickte sie auch zu mir herüber, Und in düsterer Träume Nebel senkte Sich die Seele mir ein. Da schlich Cechino, Mein Begleiter zuweilen durch die Berge, Sich heraus, und die Schulter mir berührend, Weckt′ er mich aus dem Traum. »Siehst du hinüber,« Fragt′ er lachend, »wo auf der hohen Loggia -« Nein, erwidert′ ich, rasch empor mich hebend, Eben däuchte mir, daß sich über′m Monte Artemisio vom Meer her ein Gewitter Nahen wird, und so laß uns eilig vorher, Eh′ es kommt, auf die Serpentara wandern.
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Interpretation
Das Gedicht "Olevano - Viertes Lied" von Wilhelm Friedrich Waiblinger beschreibt eine Stunde des Morgens, in der der Sprecher auf einem Balkon sitzt und die Schönheit der Umgebung bewundert. Die Landschaft wird in lebendigen Farben und Details dargestellt, von den glühenden Häusern von Olevano bis zu den fernen Bergen und der Campagna. Der Sprecher wird von Erinnerungen an andere Orte in Latium überwältigt, wie Albano, Nemi und Rom, und träumt von der Vergangenheit. Plötzlich richtet sich der Blick des Sprechers auf eine Gruppe von Frauen auf einer Loggia in Olevano. Eine von ihnen, in einem weißen Gewand und Schleier, fällt besonders durch ihre königliche Erscheinung auf. Der Sprecher vergleicht sie mit mythologischen Figuren wie Andromache und Antigone und fühlt sich von ihr angezogen. Als die Frau den Sprecher ansieht, versinkt er in einen düsteren Traum, aus dem er von seinem Begleiter Cechino geweckt wird. Der Sprecher lenkt schnell das Gespräch auf ein nahendes Gewitter und schlägt vor, auf den Berg Serpentara zu wandern, bevor es kommt. Die plötzliche Ablenkung deutet darauf hin, dass der Sprecher von der intensiven Erfahrung überwältigt war und sich von ihr distanzieren möchte. Das Gedicht endet mit einem Hauch von Geheimnis und unerfüllter Sehnsucht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Saftig schon die Citrone lacht, die goldne
- Anspielung
- sei es Nun Andromache, die von Priams Beste Ueber Ilion′s Eb′ne blickt
- Bildsprache
- Helle säh′ ich die wind′gen Schlösser blinken
- Enjambement
- Und in düsterer Träume Nebel senkte Sich die Seele mir ein
- Hyperbel
- Wo die Stadt der Lavinia, fabelheilig, Drei Jahrtausende bald sich schon im Lichte Des hesperischen Himmels sonnt
- Kontrast
- Nieder aber von des Balkones Höhe, All die schönen Olivenhaine, die den Fuß des Felsens mit Silbergrün bedecken
- Metapher
- Nur ein Punkt in der weiten Felsenlandschaft, Schien sie doch mir die Herrin all des Landes
- Personifikation
- Wo in mächtigen Blättern aus der Mauer Mit der reifenden Frucht die Feige vorgrünt
- Symbolik
- Und zur Seite der einsamen Cypresse, Aus dem Busche die Goldcitrone blinket
- Vergleich
- Die gleich den Wolken Manchmal über die schöne Erde schweben